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7+1 Ideen für Social-Distancing-Journalismus

7+1 Ideen für Social-Distancing-Journalismus

In Zeiten von Social Distancing sind Recherchen schwierig geworden. Wie schreibt man packend und persönlich über Menschen, wenn man sie nicht treffen darf?

Von Anja Reiter und Jakob Vicari

Journalist*innen gelten als systemrelevant. Das wissen wir spätestens seit Corona. Doch dieses Zugeständnis gibt uns keine Narrenfreiheit. In diesen Tagen müssen wir uns bei jeder Recherche zwingend fragen: Ist meine Geschichte von so großer gesellschaftlicher Relevanz, dass ich ein Risiko für mich und meine Mitmenschen eingehen darf? Oder kann ich den persönlichen Kontakt durch ein digitales Treffen ersetzen?

In vielen Fällen werden wir uns in den kommenden Wochen für die zweite Version entscheiden. Wenn wir Sportler*innen, Politiker*innen, Künstler*innen oder CEOs interviewen, bunte Geschichten über kuriose Geschäftsideen oder ungewöhnliche Erfindungen schreiben – dann müssen wir die Protagonist*innen unserer Geschichten nicht von Angesicht von Angesicht treffen, sondern können auf digitale Wege ausweichen.

Die Digitalisierung liefert uns zum Glück viele hilfreiche Tools zur Kontaktaufnahme, zum Videotelefonieren und Kommunizieren. Wir verabreden uns auf Skype oder Zoom, lassen uns per Videokamera durch Fabrikhallen, Arztpraxen, Labore oder Homeoffices führen. Wir haben für euch hilfreiche Kniffe gesammelt, wie wir trotz Remote-Journalismus spannende Geschichten recherchieren können – und worauf wir dabei achten müssen.

1. Den Reporterblick aufsetzen – trotz digitaler Kommunikation

Wagt am Monitor den Schritt zurück, den Blick zur Seite. Sind wir normalerweise „auf Recherche“, sind wir besonders wachsam, neugierig und misstrauisch. Wir beobachten forschend jede Geste unserer Interviewpartner*in, nehmen kleinste Details in deren Büro und Umgebung wahr, sprechen mit Sekretär*innen und blicken in Hinterzimmer. Am Ende vermerken wir alle Eindrücke im Notizbuch – auch jene, die unserem Gegenüber nicht so angenehm sind.

Sind wir auf einem digitalen Kanal verabredet, fallen viele dieser Eindrücke weg. Unsere Interviewpartner*innen haben mehr Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Sie haben es besser in der Hand, unseren Blick zu steuern: Unangenehme Dinge werden hinter dem Bildschirm versteckt, davor präsentieren sich unsere Gesprächspartner*innen so, wie sie gesehen werden wollen.

Welchen Ausweg haben wir? Sensibilisierung ist der erste Schritt. Explizit darum bitten, die Kamera zu wenden. Mutig sein – und noch genauer nachfragen, nachhaken und konfrontieren als sonst. Bittet die Gesprächspartner*innen, euch mitzunehmen durch die Wohnung, die Werkstatt oder die ausgestorbene Wandelhalle.

Wie immer gilt: weitere Meinungen einholen, zusätzliche Anrufe tätigen. Wir wissen durch die Recherche, wer unseren Interviewpartner*innen nicht so wohlgesonnen ist, wir haben diese Stimmen gesammelt und konfrontieren das Gegenüber mit der Kritik. Überraschende Reaktionen fängt auch eine Videokamera ein. Je mehr Stimmen, desto bunter und packender wird unsere Geschichte.

Und noch etwas: Den Trend, Recherchewege transparenter zu machen, gab es auch schon vor Corona – nicht zuletzt als Reaktion auf „Lügenpresse“-Angriffe. In Corona-Zeiten sind solche Offenlegungen noch wichtiger geworden. Unsere Leser*innen haben ein Recht darauf zu erfahren, wie Geschichten entstanden sind. Sie sind neugierig, wie Journalist*innen unter den erschwerten Bedingungen arbeiten. Legt daher offen, wie ihr mit euren Protagonist*innen kommuniziert habt und woher eure Infos stammen.

2. Die Protagonist*innen selbst erzählen lassen

Viele Medienseiten sind dieser Tage voller Ich-Protokolle und Corona Diaries.  Journalist*innen geben darin denjenigen eine Stimme, mit denen persönliche Begegnungen gerade nicht möglich sind. Manchmal mögen diese Formate überhand nehmen. Bei einigen Themen ist deren Einsatz aber durchaus stimmig.

Wenn das “New York Times Magazine” die Ersthelfer*innen in der Corona-Krise erzählen lässt, ist das ein eindrucksvolles und stimmgewaltiges Feature. Dass die Protagonist*innen dabei nicht von professionellen Fotograf*innen abgelichtet werden, ist der Krise geschuldet. Dem persönlichen Leseeindruck schaden die verwackelten Selfies aber nicht. In einem anderen Stück zeigt die “New York Times”, wie Musiker*innen und Tänzer*innen im Homeoffice üben – mit kurzen Videosequenzen und persönlichen Berichten. Auch das kann eine Möglichkeit sein: Protagonist*innen zu bitten, kreativ zu werden und Material zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Positiv-Beispiel: In der Serie “Was Sie zu Hause erleben können” im Newsletter Elbvertiefung fragt “DIE ZEIT” verschiedene Menschen nach Aktiv-Tipps für die Quarantäne.

Geht es um strittige und kritische Fragen, dürfen Ich-Protokolle freilich nicht ohne kritische Widerrede bleiben. Hier gelten die gleichen handwerklichen Regeln wie in Nicht-Pandemie-Zeiten. Auch vermeintliche Über-Experten und “Erklärer der Nation” wie Christian Drosten und sein NDR-Info-Podcast brauchen ein hinterfragendes Gegenüber aus der journalistischen Gegenwelt.

3. Aus dem persönlichen Umfeld berichten

Können Journalist*innen keine fremden Menschen treffen, besinnen sie sich auf ihr persönliches Umfeld. Sie schreiben darüber, wie ihre eigenen Kinder Homeschooling erleben, ihre Ehepartner*innen den Klinikalltag bewältigen oder die alten Verwandten mit der Einsamkeit umgehen. Sie machen Selbstversuche und betreiben essayistische Nabelschau. Manchmal sind diese Geschichten peinlich und demaskierend, manchmal auch nur langweilig oder redundant. 

Mitunter sind diese Innensichten aber auch bereichernd. Wenn ein Popkritiker der “Los Angeles Times” die Quarantänezeit nutzt, um sich in einem Selbstversuch einer verhassten Band anzunähern (The Doors), ist das ein origineller Zugang. Wenn sich unsere Freischreiber-Kollegin Katharina Jakob ihrem alten Kreativ-Ratgeber aus Schauspielzeiten stellt und ein Zehn-Wochen-Programm absolviert, können wir alle etwas daraus lernen. Und wenn sich der Riffreporter Gerhard Richter mit seiner Schreibmaschine in den Wald setzt, um “Field Writing” zu betreiben, lenken uns seine Natur-Offenbarungen ein wenig von der Krise ab.

Und: Wenn schon der hundertste Homeoffice-Selbstversuch, dann zumindest informiert und mit verschiedenen Quellen – wie hier in “The Atlantic”.

4. Daten statt Taten

Viele Redaktionen hoffen derzeit auf originelle und abseitige Themenvorschläge, die sich auch in der Corona-Zeit gut umsetzen lassen. Warum nicht mal mit einem datenjournalistischen Projekt experimentieren? Daten (nicht nur zu Corona) sind geduldig und lassen sich im Homeoffice ganz ohne menschlichen Kontakt bearbeiten. Die gemeinsame Datenrecherche des Medienmagazins “Zapp” und der Datenjournalisten von NDR Data hat das vorgemacht: Die Redaktionen nehmen die viel zitierten Statistiken der Johns-Hopkins-Universität kritisch unter die Lupe. Die Riffreporter Christian Schwägerl und Joachim Budde rekonstruieren in einem langen Text anhand von Tweets, Fernsehansprachen und Pressemitteilungen, warum uns die Vorgänge rund um das Heinsberg-Protokoll Bauchschmerzen bereiten sollten.

Statt klassischem Datenjournalismus kann man in diesen Tagen aber auch mit einem Experiment  zum „Journalismus der Dinge“ beginnen. In Jakob Vicaris Blog gibt es unzählige Anleitungen, wie vernetzte Gegenstände den Journalismus bereichern können. Oder ihr orientiert euch an Moritz Metz, der in seiner Deutschlandfunk-Nova-Serie “Netzbasteln” DIY-Empfehlungen für die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags gibt.

5. Reportagen und Porträts aus der virtuellen Welt

Berichte aus dem virtuellen Raum können genauso packend, nah und persönlich sein wie Berichte aus der Berührungswelt. Dazu müssen nur Thema und Format stimmen. Wie wäre es etwa mit einer Reportage über einen Online-Hackathon? Die Berichterstattung über den Hackathon #wirvsvirus macht vor, wie es gehen kann.

Die freie Wissenschaftsjournalistin Eva Wolfangel zeigte schon in Vor-Pandemie-Zeiten, wie man über das Leben in der virtuellen Welt berichten kann. Für “Mein Leben als Avatar” war sie sogar für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie “Beste Reportage” nominiert (erschienen im Magazin “Reportagen” Nr. 30). Seitdem berichtet sie regelmäßig über das Leben im digitalen Raum, der die Reporterin in einen Strudel von Ereignissen zieht:

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“Wo bin ich? Ich bin in der Zukunft. Und zugleich bin ich im Hier und Jetzt. Ich bin in der Realität. Und zugleich in etwas gänzlich anderem, etwas von der Qualität eines Traumes. Ich bin in der Virtuellen Realität.”

Eva Wolfangel in “Mein Leben als Avatar”

6. Kollaborative Recherchen

Wenn die Reporter*in nicht überall sein kann, dann kann sie zumindest den Blick der Menschen einfangen. Den Bürger*innenjournalismus sollten wir nicht dem “BILD-Leser-Reporter” überlassen. Der Ansatz hat es verdient, mehr Formate hervorzubringen. Formate wie “Wem gehört die Stadt?” von Correctiv zeigen, wie erfolgreich das sein kann.

Dem Journalismus tut das gut. Er steigt von seinem Hügel herab, auf dem er es sich so gemütlich gemacht hatte – zu den Leser*innen. Das funktioniert auch und gerade in Zeiten von Corona. Ein eindrucksvolles Beispiel: Wie geht es uns? von der “Süddeutschen Zeitung”. Die Redaktion sammelt für diesen Schwerpunkt Stimmungen, Berichte und Zitate von Leser*innen – und generiert so ein kollektives Corona-Tagebuch. Eine Krankenschwester notiert darin den eindrücklichen Satz: “Die Menschen kapieren es erst, wenn das Sterben beginnt.”

Noch ein Positiv-Beispiel: In “Wie geht es dem Norden?” bittet der NDR um Handy-Videos von Bürger*innen. In Windeseile wurde die App aufgesetzt, bei der man kurze Videos mit Eindrücken aus dem eigenen Corona-Alltag einschicken kann. Die ersten Einsendungen zeigen Menschen beim Musizieren, die Online-Oma und einen Mann beim Garten-Golf. Wir meinen: Kollektiv recherchieren, das können auch Freie! Macht in euren Podcasts Aufrufe – und schlagt Redaktionen kollektive Projekte vor.

7. Drohnenjournalismus

Die Bilder sind beklemmend: Die “Washington Post” zeigt ein frisch vorbereitetes Massengrab auf Hart Island. Ein Grab für diejenigen, die ohne Angehörige an Covid-19 sterben werden. Normalerweise würden hier jede Woche etwa 25 Leichen begraben, heißt es. Derzeit sind es laut “New York Times” 25 Leichen am Tag. Es sind Bilder von großem Schrecken – aufgenommen von einer Drohne.

Mithilfe von Drohnenjournalismus können wir dorthin blicken, wo wir sonst nur schwer hinkommen. Ein anderes Beispiel sind die Bilder verlassener Orte. Die “Süddeutsche Zeitung” hat sie zur Geschichte “Postkarten, die wir nie bekommen wollten” zusammengefasst. Sie nennt den Ansatz “eine virtuelle Weltreise durch die neue Einsamkeit”.

Nutzt also die freie Zeit und die verlassenen Felder – und besorgt euch eine Drohne. Das Gerät zu fliegen war noch nie so leicht wie heute. Auf Youtube gibt es zahlreiche Anleitungen, wie man eine Drohne im Sichtbereich fliegt. Viel Erfolg – und viele journalistisch wertvolle Einblicke!

7+1 Sich mit der Protagonist*in zu einem Spaziergang verabreden

Und wenn das alles nichts nutzt: Maske auf und verabreden! Gespräche und Interviews auf Abstand sind schließlich immer noch erlaubt – die “Tagesthemen” oder Moritz Uslar in seiner neuen ZEIT-Serie “Auf anderthalb Meter Abstand” machen es vor. Insbesondere lebendige Porträt-Reportagen brauchen schließlich die persönliche Begegnung. Welches Gefühl hat man in Anwesenheit der Protagonist*in? Wie bewegt sich die Interviewte? All das lässt sich nur von Angesicht zu Angesicht herausfinden.

Unser Vorschlag: Verabredet euch mit der Person, die ihr porträtieren wollt – am besten zu einem Spaziergang im Freien, am besten mit Maske. Die einzige Voraussetzung: keine weite Anreise. Gerade für Lokaljournalist*innen kann der Interview-Spaziergang eine elegante Lösung sein – und eine willkommene Abwechslung zum Homeoffice-Trott. Also Maske auf – und das Aufnahmegerät wetterfest machen.

Bild: shutterstock.com | New Africa

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