Now Reading
Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 1

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 1

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Der Künstlertreff

Die erste Übung im Inspirations-Camp ist der sogenannte Künstlertreff. Das geht ganz leicht. Es ist eine spielerische, vergnügliche Angelegenheit, die keine Überwindung kostet. Trotzdem hält Julia Cameron den Künstlertreff für eine der wichtigsten Übungen, weil er hilft, den kreativen Kanal zu öffnen. Cameron schreibt: “Wenn Sie Ihren Künstlertreff halten, empfangen Sie; Sie öffnen sich Ihren Einsichten, Ihrer Inspiration und Ihrer Führung.”

Konkret geht es um einen Zeitraum von etwa zwei Stunden pro Woche, den ihr ganz allein mit euch selbst verbringt. Das ist wichtig: kein Kind, kein Hund, kein Partner, keine Freundin. Und natürlich auch kein Handy. Nehmt es als Blind Date mit euch selbst, bei dem ihr nicht wisst, was passiert. Der Sinn des Ganzen ist: spielen. Nichts weckt Kreativität so sehr wie das absichtslose Verplempern von Zeit, das Hopsenlassen der Aufmerksamkeit von einem Impuls zum nächsten. Jedes Kind kann das. Es dreht Steine um, blickt fasziniert auf das Gewimmel der Asseln, folgt Ameisen bis zu ihrem Bau. Und am Ende des Tages kann es nicht einschlafen, weil es vor Ideen übersprudelt. Das wollen wir auch.

Neue Ideen sind das, was wir brauchen. Also: Spielen wir!

Ich will an meinem ersten Künstlertreff im nahen Wald herumstromern, den ich in- und auswendig kenne, weil ich hier seit zwanzig Jahren wohne. Vielleicht entdecke ich trotzdem Neues. Der Plan ist, nicht die Spazierwege zu benutzen, sondern kreuz und quer durchs Unterholz zu streifen. Apropos Weg. Kurioserweise gibt es in meiner Straße, die zum Wald führt, einen Weg, den ich noch nie betreten habe, weil er privat ist und dort ein Schild steht: Durchgang verboten. Bislang habe ich mich brav daran gehalten. Auch wenn es mich manchmal gereizt hat, da reinzugehen. Aber meine Scheu hat mich abgehalten. Dabei übertrete ich durchaus Verbote, wenn ich sie für Unfug halte. Die Privatsphäre anderer Leute aber gehört nicht dazu.

Durchgang verboten

Jetzt stehe ich allen Ernstes mit klopfendem Herzen vor dem Durchgang-verboten-Schild. Was soll ich sagen, wenn mich jemand anspricht? Mein Hund ist mir weggelaufen? Oder nur: Entschuldigung? Ich weiß es nicht. Viel ist nicht zu sehen, der Weg führt zwischen zwei Häusern abwärts und macht dann eine Biegung. Ich fühle mich albern, als ich da hineingehe. Niemand zu sehen. Nach der Biegung zieht sich der Weg noch an zwei Klinkerhäusern entlang und endet dann. Rechts steht eine Magnolie, ein riesiger Baum mit Blüten kurz vorm Zerspringen. Und das war es. Ein wunderbarer Baum und niemand, der mich wegscheucht.

Mir fällt ein alter Film ein, den ich grandios finde: The Village. Er handelt von Monstern, die es nicht gibt, die aber ein ganzes Dorf in Schach halten. Angst, das hat mir dieser Film gesagt, braucht keinen Grund für Horrortrips. Ihr reicht die Fantasie. Ich stehe in einem banalen Weg abseits meiner Straße, den ich gefürchtet habe. Für nichts.

Unterstütze die Redaktion mit einem kleinen Betra auf Steady.

Und dann bin ich im Wald. Der Tag ist warm, das alte Laub raschelt. Hier gibt es Wildtierpfade, denen ich folge. Ich höre nichts als Wind. Sehe den Stadtforst aus unbekannten Winkeln. Auf einem dieser Hügel bin ich tatsächlich noch nie gewesen. Oben liegt Totholz quer. Eine ganze Weile sitze ich auf einem Stamm mit dem Kopf im Nacken. Sehe Zitronenfalter und viel blauen Himmel. Was interessiert mich wirklich? Plötzlich ist diese Frage da und die Antwort auch: fremde Welten. Keine Außerirdischen, die meine ich nicht. Sondern all die fremden Existenzen, mit denen wir unseren Planeten teilen. Tiere natürlich, weil jede Art in einer eigenen Welt lebt. Wir haben keine Ahnung davon, wie eine Eidechse empfindet oder ein Blauwal. Oder die fremden Welten vergangener Jahrhunderte: Wie haben sich Menschen gefühlt am Ende des Dreißigjährigen Krieges, als ihr Land entvölkert war? Woran glaubt jemand, der nichts anderes kennt als Krieg und Zerstörung? Aber auch das sind fremde Welten: Sonderlinge, Eigenbrötler, Heiratsschwindler, Menschen mit Doppelleben, Biografien, die man nicht versteht. Das interessiert mich. Auf so ein Buch hätte ich Lust.

Auch interessant
Grüner Bleistift startet als Rakete

Hinein in die Büsche

An einem der Waldteiche schaue ich einer Kröte zu, die mit kräftigen Zügen am Ufer entlangschwimmt, fast wie ein Brustschwimmer, drei Meter, vier, bis sie abbiegt ins Schilf. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich mich hier schon herumtreibe, zwei Stunden sind es längst. Ich will aber nicht heim, streife noch lange durch den Wald, überquere Spazierwege und schlage mich wieder in die Büsche. Hier hat mal einer im Zelt gewohnt, in einer Senke zwischen zwei Hügeln. Erst als der Hunger kommt, mache ich mich auf den Rückweg, ganz wie in alten Tagen. An einem Zaun in der Nachbarschaft hängt ein Kinderbild, zum Trost für alle in diesen Corona-Tagen: Ein Regenbogen ist darauf, eine Sonne und darüber in krakeliger Schrift “Alles wird gut”.

Was ist die Bilanz dieses Künstlertreffs? Der verbotene Weg ist entzaubert, ich habe eine erste Ahnung vom Thema meines Buches, hinzu kommen Schmetterlinge, eine schwimmende Kröte, eine Magnolie in ihrer Blüte. Und Trost von einem Kind. Keine schlechte Ausbeute.

Und jetzt seid ihr dran: Wie könnte euer Künstlertreff aussehen? Geht das vielleicht auch zu Hause? Zwei Stunden nur für euch, womöglich auf dem Dachboden, zwischen ausrangierten Möbeln und Kisten voller Kram. Oder wie wäre es mit einem Regenspaziergang, bei dem ihr keiner Pfütze ausweicht? Mit einem Künstlertreff nachts in der Stadt, die zu Corona-Zeiten menschenleer sein wird? Auf dem Blog von Julia Cameron findet ihr viele Anregungen. Ich wünsche euch viel Spaß auf eurem Ausflug und würde mich freuen, wenn ihr davon berichtet: freienbibel – at -freischreiber -punkt- de. Good luck!

Kommentar anzeigen (1)

Antworten

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht

Nach oben