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BASICS – Geschäftsmodell entwickeln: Was sind eure Stärken?

BASICS – Geschäftsmodell entwickeln: Was sind eure Stärken?

Teaser für junge Hüpfer: So entwickelt ihr ein journalistisches Geschäftsmodell. Teaser für alte Hasen: So könnt ihr euer Geschäftsmodell überprüfen.

Von Jan Schwenkenbecher

Es gibt ja diese Anekdote über Vincent van Gogh, dass er, Vincent van Gogh, der vielleicht berühmteste Maler aller Zeiten, zu Lebzeiten nur ein einziges Gemälde verkauft habe und das noch dazu an seinen eigenen Bruder. (Längst widerlegt, kann man hier und da lesen, im Privaten habe er schon öfter mal ein Bild verkauft. Wie auch immer.) Ob es nun eines oder ein paar mehr waren: sein Geschäftsmodell hätte wohl besser sein können.

Eures zumindest sollte es sein, so schön eure Sonnenblumen-Reportagen auch sein mögen. Wer noch keines hat, sollte sich eines überlegen. Und wer schon eins hat, der kann es mit diesen Tipps auf seine Güte überprüfen. Es finden sich viele verschiedene Ratgeber dazu, wie man ein Geschäftsmodell entwickelt und was dabei wichtig ist. Dies hier ist der Versuch einer Synthese aus all den verschiedenen Geschäftsmodellmodellen, die sich im Besonderen für freie Journalist*innen eignet. Ein Modell, das ist das verkleinerte, etwas vereinfachte Abbild von etwas (ursprünglich von Häusern, kommt das Wort doch aus der Architektur). Ein Geschäftsmodell ist also, und das kommt ja in etwa auch hin, ein vereinfachtes Abbild eures Geschäfts: was bietet ihr an, wer kauft es, warum, für wie viel Geld, sowas.

Im Wesentlichen haben alle Geschäftsmodell-Beschreibungen folgende drei Überthemen gemeinsam:

  • Die Kunden
  • Das Produkt
  • Das Ertragsmodell

Euer Geschäftsmodell soll nun skizzieren, wie ihr euer Produkt an welche Kunden verkauft und wie ihr damit Geld verdient. Also schnappt euch drei Blätter, notiert auf jedes eines der drei Überthemen und schreibt anschließend eure Antworten auf die im Folgenden aufgeworfenen Fragen darauf.

Die Kunden

Die Kunden, das können im journalistischen Geschäftsmodell zwei Dinge sein: Leser*innen oder Auftraggeber*innen. Verkauft ihr euer Produkt an Auftraggeber*innen, dann müsst ihr ökonomisch betrachtet vor allem sie zufriedenstellen. Und erst in zweiter Linie die Leser*innen. Stets pünktliche, fehlerfreie Lieferung ist da wahrscheinlich wichtiger als der schönste erste Satz. Eure Funktion ist ähnlich der eines Automobilzulieferers, der sein kleines Teil zum Fahrzeug liefert. Arbeitet ihr auf direkteren Wegen – veröffentlicht ihr zum Beispiel selbst auf einem Blog oder via Riffreporter/Steady/Patreon/etc., dann buhlt ihr direkt um die Gunst der Kund*innen (Auftraggeber*innen gibt es da nicht).

In jedem Fall solltet ihr euch bewusst machen, wer eure Kund*innen sind. Wer liest, hört, guckt, was ihr schreibt, sprecht, filmt? Wisst ihr das, solltet ihr euch ebenfalls klarmachen, was eure Kund*innen wollen. Warum konsumieren Leser*innen eure Inhalte? Was interessiert sie daran? Welches Problem löst ihr, welches Bedürfnis befriedigt ihr? Am Ende müsst ihr wissen: Es gibt diese und jene Leute (die Kund*innen) und sie haben ein Bedürfnis nach PLATZHALTER (hier könnte euer Produkt stehen).

Kernfragen:

  • Wer sind eure Kund*innen?
  • Warum kaufen eure Kund*innen, was ihr produziert?
  • Was würde euer Produkt so verbessern, dass sie es noch lieber kaufen?

Das Produkt

Der Kern eures Freiendaseins: Was verkauft ihr? Texte, Bilder, Videos oder Audio? Über Politik, Wirtschaft, Sport, Wissenschaft oder Reisethemen? Als Reportagen, Features, Interviews oder Hintergrundstücke? Was könnt ihr, was liegt euch, und – vielleicht am wichtigsten – was interessiert euch? Ihr solltet euch darüber im Klaren sein, was es ist, was ihr produziert und verkauft. Und warum es genau das ist – im besten Fall seid ihr (studierte) Expert*innen auf eurem Gebiet oder habt eine intrinsische Motivation, die aus eurer Biografie erwächst (ihr wart auf dem Sprung zur Profifußballer*in, also schreibt ihr jetzt über Sport).

Glaubt ihr zu wissen, welches EUER Produkt ist, dann müsst ihr euch auch überlegen, wie die Kund*innen von eurem Produkt erfahren. Sind eure Kund*innen die Leser*innen, dann müsst ihr direkt für euch und eure Stücke werben. Ihr wisst ja nun, wer eure Kund*innen sind und habt bestimmt auch eine Vermutung, wo sie sich so rumtreiben: Teilt eure Inhalte an den richtigen Social- Media-Plätzen oder legt Flyer beim Bäcker aus. Sind nicht die Leser*innen, sondern Redaktionen eure Kund*innen, müsst ihr euch auch hier überlegen, wie ihr sie am erfolgreichsten erreicht. Je nach Kundin oder Kunde lernt ihr dann schon, ob ihr euren Pitch besser am Telefon oder per Mail präsentiert und ob es sich zur Kundenbindung empfiehlt, ein Mal pro Quartal auf einen Schwatz in der Redaktion vorbeizuschauen.

Letztlich empfehlen viele Anleitungen zur Entwicklung eines Geschäftsmodells, dass man sich noch überlegt, wie das Produkt hergestellt wird. Beim herkömmlichen Journalismus scheint das recht simpel: ihr recherchiert, schreibt oder schneidet, fertig. Trotzdem lohnt es sich vielleicht, nach ein paar verschiedenen Aufträgen mal zu resümieren, welche Art Auftrag wie rentabel ist (hereingegebene Zeit vs. herausbekommene Euro). Die meiste Zeit fressen oft die Sachen, die wir nicht auf dem Schirm haben, von der Reiseplanung bis zur Transkription. Und wenn ihr schließlich komplexere Aufträge übernehmen wollt (ein ganzes Heft erstellen, eine multimediale Kampagne erarbeiten), dann solltet ihr vorab schon mehr als ein paar Gedanken investieren, um herauszufinden, welche Partner ihr dafür braucht (Grafiker, Fotografen, Layouter, …), wo ihr sie herbekommt und auf welcher Basis ihr zusammenarbeitet. Schnell kann ein Großauftrag zum großen Minusgeschäft werden.

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Kernfragen:

  • Was produziert ihr?
  • Warum genau das?
  • Was könnt nur ihr?
  • Wie werbt ihr für euer Produkt?

Das Ertragsmodell

Das Ertragsmodell ist schnell zusammengefasst: Ihr schreibt Einnahmen und Ausgaben auf. Wie hoch eure Ausgaben sind und wie ihr das ganz gut zusammenrechnen könnt, ohne die Hälfte zu vergessen, haben wir an dieser Stelle beschrieben. Bei den Einnahmen solltet ihr euch nun überlegen, wer es ist, der euch laut eurem Geschäftsmodell Euro auf euer Konto überweist. Sind es die Leser*innen selbst? Ist es der Verlag für den ihr schreibt? Oder kommt das Geld vielleicht von Stiftungen, Projekt-Förderungen oder Preisen? Und wie viele von euren Produkten müsst ihr an welche Kunden und Kundinnen verkaufen, damit ihr eure Ausgaben decken könnt? Wenn ihr das wisst und euch die Zahlen realistisch scheinen, dann habt ihr auch den dritten Punkt erledigt.

Kernfragen:

  • Wofür gebt ihr Geld aus und wie viel ist es?
  • Womit verdient ihr Geld und wie viel ist es?

Am Ende könnt ihr euer nun erarbeitetes Geschäftsmodell nochmal daraufhin überprüfen, ob auch alles zusammenpasst. Gibt es bei eurer Kundschaft ein Bedürfnis nach eurem Produkt? Seid ihr auch die richtigen, um genau dieses Produkt anzubieten? Könnt ihr damit Geld verdienen und genügt es auch, um eure Ausgaben zu decken? Da wir alle ein wenig zum Selbstbetrug neigen (nicht nur Journalisten, das gilt – im Durchschnitt – für alle Menschen): Stellt es der Kolleg*in vor, die immer die hartnäckigsten Fragen stellt. Überarbeitet es. Die gute Nachricht: Für Meisterwerke, wie ihr sie liefert, finden sich eigentlich immer Abnehmer*innen.

Bild: shutterstock.com | patpitchaya

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