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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 10

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 10

aufgeschlagenes Buch

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Die Zeitreise

Hut in die Luft! Das Zehn-Wochen-Experiment mit Julia Camerons “Weg des Künstlers” ist geschafft. Habt ihr die ein oder andere Übung mitgemacht? Und dabei neue Ideen bekommen? Oder denkt ihr: Nö, mir hat das null gebracht? Mein Fazit ziehe ich mithilfe des Experiments Nummer 10, der Zeitreise.

“Beschreiben Sie sich selbst mit achtzig. Was haben Sie nach Ihrem fünfzigsten Lebensjahr gemacht, was Ihnen Spaß gemacht hat?”, heißt die Anweisung zur Übung. “Welche Träume würden Sie fördern? Welchen Interessen würden Sie sich auffordern, nachzugehen?”

Ich würde das hier schreiben: “Jetzt bist du achtzig, meine Liebe, und hast dich hoffentlich schon vor Jahrzehnten von deiner Arbeitswut befreit. Du hast sorgsam darauf geachtet, jeden Tag mehr Spaß als Pflichten zu haben. Du bist niemals irgendwo hingegangen, ohne Feldstecher und Badeanzug eingepackt zu haben. Du hast das Zen des Sports sehr ernst genommen und gelernt, auch im Winter noch im See zu schwimmen. Und dein größtes Vergnügen an freien Tagen war es, ein neues imaginäres Leben auszuprobieren. So bist du tatsächlich mal Walforscherin gewesen und hast die Pottwale im Mittelmeer beobachtet. Auch kannst du mittlerweile alle Garten-, Wasser-, Wald- und Feldvögel nur an ihren Stimmen erkennen. Wollte dir jemand einen Auftrag geben, hatte er mittwochs keine Chance. Denn da warst du immer unterwegs und hast deine Zeit vertrödelt. Künstlertreff hast du das genannt. Allerdings: Morgenseiten hast du nie geschrieben. Na ja, war vielleicht auch nicht unbedingt nötig, ging ja auch so.”

Und hier ist meine Lehre aus der Beschäftigung mit diesem alten Buch: Arbeite viel, viel weniger, hab viel mehr Spaß. So schlicht lässt sich das auf den Punkt bringen. Das Irrwitzige ist ja, dass Schreiben richtig doll Spaß macht – aber nur, wenn man es nicht übertreibt. Auftrag um Auftrag abzuarbeiten macht überhaupt keinen Spaß, jedenfalls nicht mir. Wie eine Getriebene an Wochenenden und im Urlaub zu schreiben ist einfach nur abartig, das tötet die Lust am Beruf. Und deshalb verziehe ich mich jetzt in eine lange Sommerpause, in der ich nichts anderes schreibe als Einkaufslisten oder Liebesbriefe oder Autogramme oder Wunschzettel. Aber ein paar kleinere Übungen aus Camerons “Weg des Künstlers” lege ich euch noch ans Herz, sozusagen als Wegzehrung. Sie heißen:

Luxus

Ein gewagtes Wort bei freien Journalist*innen? Ach was. Luxus hat nichts mit Geld zu tun. “Wodurch erfahren wir wirkliche Freude? Das ist die Frage, die den Luxus anspricht, und für jeden von uns fällt die Antwort anders aus.” Das kann eine Schale Himbeeren sein, die man sich verkneift, aus irgendwelchen dummen Gründen. Das kann eine Stunde Trommeln im Übungskeller sein oder ein Wochenende mit einer verdammt guten Freundin. “Blockierte Kreative”, schreibt Cameron, “sind oftmals die Aschenputtel dieser Welt.” Wir gönnen uns nix. Und daher bedeutet Luxus als Übung: Schreib dir deine verbotenen Freuden auf, das, was du dir normalerweise nicht gönnst. Und dann machst du genau das.

Sag die Wahrheit

Das ist eine – zugegeben nicht sehr angenehme – Übung, um schlechte Gewohnheiten zu durchbrechen. Destruktive Gewohnheiten, die euch daran hindern, kreativ zu sein.

Ihr nehmt ein Blatt Papier und einen Stift. Und dann schreibt ihr Antworten zu folgenden Fragen auf und seid dabei so ehrlich, wie ihr nur sein könnt:
“Sagen Sie die Wahrheit. Welche Ihrer Gewohnheiten stehen Ihrer Kreativität im Weg? Sagen Sie die Wahrheit. Was, glauben Sie, könnte ein Problem sein? Es ist eines. Was möchten Sie dagegen unternehmen? Sagen Sie die Wahrheit: Welche Ihrer Freunde bringen Sie dazu, an sich selbst zu zweifeln? Was haben Sie davon, Ihre destruktiven Freunde zu behalten? Wenn die Antwort lautet: ,Ich mag sie’, dann lautet die nächste Frage: ,Warum?‘”

Wenn ihr eure Antworten beisammen habt, setzt ihr euch das, was Cameron “die untere Grenze” nennt: “Beginnen Sie mit denjenigen Verhaltensweisen, die Ihnen die größten Schmerzen bereiten. Setzen Sie eine untere Grenze.”
Und die muss wirklich klein sein, damit ihr sie einhalten könnt. Das kann so was sein wie: keine Arbeit nach 20 Uhr, die nächsten drei Tage. Oder: Wenn XY anruft, gehe ich nicht ran, jedenfalls nicht bis übermorgen. Oder: Eine Woche lang schaue ich mir keine Horrorfilme an.

So könnt ihr euch Schritt für Schritt aus destruktiven Gewohnheiten herausarbeiten, zumindest in der Theorie. In der Praxis hab ich das noch nicht ausprobiert.

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Rückschritte reparieren

Und das ist was, das ich gern nach meiner Sommerpause – meiner laaaaaaaaangen Sommerpause – machen möchte. Die Übung heißt Rückschritte reparieren. “Wir alle haben Rückschritte gemacht”, schreibt Cameron. “Nennen Sie einige, die Sie gemacht haben.” Am besten schreibt ihr sie auf einen Zettel, weil damit gleich noch was passieren soll. “Wählen Sie einen Rückschritt aus. Erlauben Sie sich, ihn wieder gutzumachen. Reparieren Sie ihn.”

Jetzt wollte ich euch gerade Adieu sagen, doch dann fiel mir diese kleine Übung noch vor die Füße. Ein Gruß aus der analogen Welt, die so oft so viel kreativer ist als die digitale:

Postkarten an eure echten Freunde

“Verschicken Sie Postkarten an fünf Freunde. Das ist keine Höflichkeitsübung. Verschicken Sie sie an Freunde, von denen Sie wirklich gern hören würden.”

Aye, aye, das ist eine großartige Idee. Und damit verabschiede ich mich aus dem Inspirations-Camp. Allen Kolleg*innen wünsche ich viel Spaß und einen magischen Sommer.

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