Now Reading
Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 2

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 2

Aufgeschlagenes Buch

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Fünf imaginäre Leben

Auch die zweite Übung ist spielerisch leicht, sie heißt „fünf imaginäre Leben“. Es geht nicht um Verzicht oder um unangenehme Fragen (solche Übungen kommen noch). Sondern um das, was hätte sein können. Welche anderen Berufe hätten uns auch Spaß gemacht? Vielleicht sogar mehr, als Journalist*in zu sein? Spaß, sagt Julia Cameron, ist das, was uns kreativ macht: „Die meisten blockierten Kreativen vermeiden Spaß genauso eifrig, wie sie ihre Kreativität vermeiden.“ Das heißt also, wenn wir lustlos am Schreibtisch sitzen, uns nichts mehr einfällt, sich jeder Satz liest, als hätten wir ihn aus Blei gegossen, dann könnte etwas ganz Simples helfen: aufstehen, rausgehen, Spaß haben mit „Was wäre, wenn?“.

Die Übung geht so: Überlege dir fünf imaginäre Berufe, die dir auch gefallen hätten. Wähle einen davon aus – und verwirkliche ihn für ein paar Stunden, einen Tag oder eine Woche. Dafür brauchst du natürlich Fantasie. Wenn dein Traumberuf Pilot*in ist: In vielen Städten gibt es Flugsimulatoren für Laien. Oder wenn du gern Tänzer*in geworden wärest: Geh zum Basiskurs Ballett. Irgendein Element aus deinem Beruf lässt sich verwirklichen.

Ich wäre furchtbar gern Biologin geworden, in allen möglichen Varianten: Walforscherin, Ornithologin, Meeresbiologin. Kaum etwas macht mir so viel Spaß wie das Beobachten von Tieren in ihrem Lebensraum. Landwirtin käme auch noch infrage oder Arktisforscherin. Aber ich nehme die Ornithologin. Ist auch am einfachsten umzusetzen. Dazu muss ich nur in aller Herrgottsfrühe aufstehen und in ein Beobachtungsgebiet fahren, am besten mit Aussichtsturm.

Bei Google suche ich ein Naturschutzgebiet aus, das ich noch nicht kenne. Dort soll eine Vogelbeobachtungshütte am Wasser stehen. Den Wecker stelle ich auf kurz vor fünf, und als er nach drei Stunden Schlaf klingelt, kann ich nicht fassen, was ich da vorhabe. Mit Feldstecher, Thermoskanne und dicker Jacke ziehe ich los. Die Morgendämmerung ist eine fremde Welt für mich. Das ist gut, ich mag ja das Fremde. Kein Mensch auf der Straße, dafür ringsum Vogelstimmen in einer Lautstärke, wie sie sonst nie zu hören sind.

Den Aussichtsturm erreiche ich noch vor Sonnenaufgang. Ich klettere hinauf, setze mich auf einen abgewetzten Holzbalken, vor mir ein spiegelglatter See voller Wasservögel. Höre das Gekreisch in der Luft, gieße mir Kaffee ein. Setze den Feldstecher an.

Die Stunden in der Vogelhütte

Ab jetzt wird es schwierig. Ich will euch nicht mit Tierschilderungen langweilen. Auch ist es mir peinlich, dass mein Vergnügen so groß war. Wie bei einem abseitigen Hobby, das man besser für sich behält. Aber, ungelogen: Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendetwas in den vergangenen Corona-Wochen so viel Spaß gemacht hätte wie die Stunden in der Vogelhütte und das Wandern um den See.   

Leute, in unmittelbarer Nähe stand ein Schlafbaum von Kormoranen! Ein Dutzend dieser großen schwarzen Vögel hockte dort in den Ästen. Graureiher glitten so dicht über meine Hütte, dass ich sie an den Beinen hätte ziehen können. Und habt ihr schon mal Kiebitze fliegen sehen? Ich noch nie. Beim ersten Vogel habe ich noch gedacht, der muss krank sein. Kiebitze schwanken im Flug wie betrunken, kreiseln in die Höhe und lassen sich dann abwärtstrudeln, als hätte sie ein Schuss getroffen. Die Feuchtwiesen um den See waren voll von ihnen. Dabei stehen diese Vögel auf der Roten Liste.

Auch interessant

Um es kurz zu machen: Ans Schreiben habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Dafür gab es viel mehr Spaß als erhofft. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Ornithologie und Journalismus sich in einem Punkt treffen: der Beobachtung. Die braucht man hüben wie drüben. Je intensiver die Beobachtung, desto mehr Futter fällt ab für Geschichten. Bei der Recherche strengt mich das oft an: genau hinsehen, dabei aber diskret sein und zugleich ein Gespräch führen. Und sehr oft hab ich nach der Recherche an das gedacht, was mir alles entgangen ist, was ich nicht gesehen habe. Vögel beobachten ist dagegen kinderleicht. Man muss auch nicht so tun, als schaute man nicht genau hin, sondern darf ungeniert den Feldstecher draufhalten.

Was ist nun die Ausbeute dieser Übung? Ziel erreicht, würde ich sagen, da es ja bloß um Spaß ging. Aber da steckt noch mehr drin, glaube ich. Ein neues Arbeitsfeld? Sollte ich vielleicht diese Leute anrufen, die in Seifenkisten über die Alpen fliegen, mit jungen Waldrappen im Schlepptau? Hallo Waldrappteam, falls Sie das lesen: Ich hätte Interesse!

Was werdet ihr erleben? Ihr wisst ja, hier auf dem Blog habt ihr Platz: Ich freue mich über alle Kolleg*innen, die mitturnen und darüber berichten wollen. Schreibt an freienbibel – at -freischreiber -punkt- de. Und wenn ihr Anregungen sucht, hier findet ihr den Blog von Julia Cameron. Habt Spaß!

Kommentar anzeigen (1)

Antworten

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht

Nach oben