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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 3

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 3

Buch liegt im Gras

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Der Leseentzug

So verspielt das Experiment in der ersten Woche war und so vergnüglich in der zweiten, jetzt ist erst mal Schluss mit lustig. Die Übung in Woche 3 ist einfach nur hart: Leseentzug. Altmeisterin Cameron will, dass man eine Woche ohne Lesen zubringt. Das kann ich gerade nicht, weil ich froh bin um jeden Auftrag, aber ein Tag ohne Medien sollte drin sein. Das heißt, 24 Stunden ohne Lesen, ohne Handy, Nachrichten, Streams, Radio. Klingt simpel? Bei mir wurde daraus der längste Tag des Jahres.

„Der Leseentzug“, schreibt Julia Cameron, „ist eine sehr kraftvolle und eine sehr beängstigende Technik. Allein schon das Nachdenken darüber kann enorme Wut hochbringen. Für die meisten blockierten Kreativen ist Lesen eine Sucht. Wir verschlingen die Worte von anderen, anstatt unsere eigenen Gedanken und Gefühle zu verdauen, anstatt etwas Eigenes zu erfinden.“

Ach was, denke ich. Wut, nur weil man mal nichts lesen darf? Am Vorabend freue ich mich auf den medienfreien Tag. Ich will im Garten arbeiten, stundenlang mit dem Hund laufen, einen Apfelkuchen backen, endlich den Wäscheberg abtragen und vielleicht auch noch mein Arbeitszimmer aufräumen. Und das alte Kajak aus dem Keller holen. Ein paar abendliche Runden auf dem nahen See drehen. Herrlich wird das.

Dann bricht der nächste Morgen an. Ist schon seltsam, nach dem Aufwachen nicht zum Handy zu greifen. Keine Nachrichten. Oder E-Mails. Oder Threema. Aber gut. Den Kaffee trinke ich im Garten. Kraule den Hund. Denke nach. Was soll ich jetzt machen? Mit meiner Hündin in den Wald? So früh kennt sie das nicht, und ich auch nicht. Es ist ein strahlender Sonntagmorgen, die Vögel zwitschern, was das Zeug hält, und meine Laune zieht sich zu. Das Problem ist: Ich hab zu nichts Lust. All die schönen Aktivitäten, die ich mir ausgemalt habe, sie kommen mir fad vor.

Seltsamerweise passiert genau das: Was mir sonst so viel Spaß macht, heute geht es mir auf die Nerven. Mein Hund trödelt im Wald, frisst unaussprechliche Dinge, wenn ich nicht hinsehe. In meinem Kopf laufen Streitgespräche ab mit Kollegen, die ich gar nicht geführt habe. Lange, fruchtlose Monologe.

„Der Leseentzug“, schreibt Cameron, „wirft uns auf unsere innere Stille zurück, einen Raum, den einige von uns sofort mit neuen Worten zu füllen beginnen – mit langen, geistlosen Unterhaltungen.“

Die Wut ohne Worte

Ich ahne, dass es mit dem Wort Leseentzug etwas auf sich hat, im zweiten Teil: Entzug. Rührt meine Übellaunigkeit daher, dass mir tatsächlich etwas fehlt? Plötzlich hat Geschriebenes eine magische Anziehungskraft. Das Sudoku, das ich schon in der Hand halte – müsste doch gehen, sind ja bloß Zahlen, keine Buchstaben –, ist eingebettet in ein Nest von Worten. Liegt aufgeschlagen da im Magazinteil einer Zeitung. Ich muss es weglegen, sonst fange ich noch an zu blättern. Und als ich feststelle, dass ich den Kuchen nicht backen kann, weil ich dazu das Rezept lesen müsste, bin ich kurz davor, wirklich aus der Haut zu fahren.

Am Nachmittag liege ich missmutig im Gartenstuhl und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich kann ja nicht dauernd was machen. Sehne mich nach einem guten Buch. Und kriege diesen einen Faden zu fassen: Ohne Lesen kann ich mich offenbar nicht entspannen. Das also hat Cameron gemeint mit der Wut.

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Als ich mich gar nicht mehr leiden kann, greife ich zum Notizblock und schreibe auf, was mir gerade in den Sinn kommt: „Kaffeetrinken langweilt mich, Gartenarbeit langweilt mich. Erst halb sechs, keine Lust auf das Kajak.“ Ein Strom aus Worten fließt aufs Blatt, der nicht aufhört und mich plötzlich an eine Übung erinnert, an DIE ZENTRALE ÜBUNG, die Cameron wie keine andere empfiehlt, die ich immer gehasst und um die ich auch dieses Mal, für dieses Inspirations-Camp, einen großen Bogen geschlagen habe: die Morgenseiten.

„Die Morgenseiten sind die wichtigste Technik zur Aktivierung unserer Kreativität“, schreibt Cameron. Und meint damit: All das Zeug, das uns im Kopf herumfährt und das uns blockiert, das muss raus. Das ist der innere Zensor, der Feind alles Kreativen, der kein gutes Haar an dem lässt, was wir machen (“Bitte wie, das nennst du ein Exposé?”). Und deshalb soll man morgens nach dem Aufwachen drei Seiten vollschreiben, ohne innezuhalten, ohne nachzudenken. Einfach nur schreiben. „All dieses wütende, weinerliche, kleinliche Zeug, das Sie in den Morgenseiten aufschreiben, steht zwischen Ihnen und Ihrer Kreativität.“

Jetzt ist es früher Abend, und ich schreibe Morgenseiten. Fühle mich wie ein eingesperrtes Frettchen, aber ich schreibe. Und als ich anderntags wieder lesen darf, schlage ich bei Cameron das Kapitel über die Morgenseiten auf, die den inneren Zensor besiegen.

Das ist mein Fazit der dritten Übung: Wenn ihr ein Lese-Junkie seid wie ich, wird euch dieser Tag Nerven kosten. Aber die Chancen stehen gut, dass ihr eure Blockaden entdeckt, so wie ich meine. Die Formel scheint einfach zu sein: Lest nicht, schreibt. Kuriert wie in der Homöopathie Ähnliches mit Ähnlichem: Schreiben gegen Schreibunlust. Nur dass es wahrscheinlich sehr viel mehr hilft. Wer will, kann gern hier berichten!

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