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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 5

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 5

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Das Zen des Sports

Sport? Ja, aber anders, als ihr denkt. In der 5. Woche des Inspirations-Camps geht es nicht um Fitness oder Muskelaufbau, sondern um das Zen des Sports. Um das Meditative, das in der gleichmäßigen, ausdauernden Bewegung liegt und uns zu besseren Schreiber*innen macht. „Kreativität erfordert Aktivität“, sagt Julia Cameron. „Und ein Teil dieser Aktivität muss körperlich sein.“

Dieser Zen-Sport, von dem Cameron spricht, ist die einzige Übung aus dem Buch “Weg des Künstlers”, die ich bis heute beibehalten habe. Wie in der Auftakt-Folge beschrieben, hatte ich früher einen Bewegungsberuf, die Schauspielerei. Und dort gibt es in der Ausbildung einen zentralen Begriff namens „organisch“. Das meint so viel wie: Denk dir nicht aus, was du auf die Bühne bringen willst, hol es aus deinem Körper. Das lässt sich im weiteren Sinn auch aufs Schreiben übertragen. Statt am Tisch zu sitzen und sich einen Einstieg für eine Geschichte auszudenken, was ziemlich unorganisch werden kann, treibt man sich besser draußen herum. Joggt, walkt, wandert, rudert, schwimmt, reitet, fährt Rad oder geht einfach nur spazieren, mit der Geschichte im Gepäck, und wartet ab, was die gleichmäßige Bewegung so alles zutage fördert.

Ausgespuckte Sätze, fix notiert

Da ich einen Hund habe, bin ich sowieso jeden Tag draußen, etwa anderthalb bis zwei Stunden. Dabei mache ich meistens Nordic Walking, wider Erwarten ist das eine recht schnelle Sportart. Durch den Stockeinsatz rechts, links bewegt man sich wie ein Vierbeiner vorwärts und kann dabei ziemlich Tempo machen. Nach den ersten fünf oder zehn Minuten fährt in meinem Inneren ein Motor hoch, und wenn der erst mal in Schwung ist, fängt er von selbst an, die Geschichte hin- und herzuwenden, an der ich gerade arbeite, die Struktur abzuklopfen, Sätze auszuspucken. Dann muss ich manchmal anhalten und aufs Band sprechen, was der Motor geliefert hat. Denn später auf dem Heimweg sind die Ideen wieder weg.

Was fast noch wichtiger ist: Die gleichmäßige Bewegung schafft auch Raum für mein Bauchgefühl. In hektischen Tagen geht das gern mal unter. Da schreibe ich am Tisch einen Einstieg, den ich witzig finde, und ignoriere das Unbehagen, das sich dabei einstellt. Bin ich aber unterwegs, meldet es sich. Es sagt mir, dass ich diesen Einstieg knicken kann, weil ich bei der Recherche was übersehen habe. Oder dass nur ich den witzig finde, sonst aber niemand. Mittlerweile nehme ich sehr ernst, was mir auf diesen Routen in den Sinn kommt. Weil es organisch ist.

„Zwanzig Minuten am Tag sind ausreichend“, schreibt Cameron. „Sport ist oft das Gehen, das uns von der Stagnation zur Inspiration, vom Problem zur Lösung und vom Selbstmitleid zur Selbstachtung bringt.“

Kreativ im Duck Style

Wenn Walking mein Arbeitsmodus ist, dann ist Schwimmen meine kreative Pause. Ich fürchte, ich bin im Sommer eine bessere Schreiberin als im Winter. Weil ich dann jeden Tag zum See kann, rein ins Wasser, mich langmachen, eintauchen, Luft holen und dahingleiten. Ich bin keine gute Schwimmerin, weil ich nur den Duck Style beherrsche, Brustschwimmen mit erhobenem Kopf. Dafür bin ich ausdauernd. Eine Stunde ist da schnell weg. Im Mai muss ich noch den Neoprenanzug nehmen, um länger im Wasser bleiben zu können. Er mindert das Vergnügen etwas, weil sich die Leichtigkeit nicht einstellt. Aber im Grunde ist es wurscht, es ist Schwimmen. Nein, Zen.

Ich kann euch das nur wärmstens empfehlen: Sucht euch eine Ausdauersportart, die ihr nicht als Sport betreibt, sondern als Inspirationsquelle. Eine, die draußen stattfindet. Im Hallenbad fliegen mir nicht die Schwalben am Gesicht vorbei, dicht über der Wasseroberfläche, auf der abendlichen Jagd nach Insekten. Da rieche ich Chlor und nicht das torfige Aroma meines Waldsees. Und kann mich nicht wie ein Otter auf den Rücken drehen, mutterseelenallein im Wasser, und mich treiben lassen, während frische Ideen aufsteigen wie Luftbläschen. Inzwischen gibt es da eine Buchidee, eine konkrete. Und auch schon eine Absage meines Lieblingsverlags. Aber das heißt nicht, dass es das Buch nicht geben wird. Sagt mein Bauchgefühl.

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Aufgeschlagenes Buch

Eine meiner erfolgreichsten Kolleg*innen ist Marathonläuferin. Die geht jeden zweiten Tag in aller Herrgottsfrühe joggen. Ich wundere mich überhaupt nicht, dass sie so gut ist. Ein morgendliches Zoom-Meeting mit ihr ist wie ein Hallo-wach-Programm. Weil sie im strahlend gelben Pulli vor dem Bildschirm sitzt und schon eine ganze Welt erlebt hat, während ich gerade aus dem Bett gekrochen bin.

Und ihr? Was treibt ihr da draußen? Das Zen des Sports hilft auch gegen aufkommenden Trübsinn in der Corona-Krise. Hier ist noch mal der Link zum Blog von Julia Cameron.

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