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Paradeiser gegen das Prokrastinieren

Paradeiser gegen das Prokrastinieren

Stehen kreative Herausforderungen an, neigen wir oft zum Aufschieben. Die Pomodoro-Technik rettet dich aus der Prokrastinations-Spirale

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich habe beim Verfassen dieses Artikels prokrastiniert. Wenn die kreative Pflicht ruft, kenne ich tausend Tricks zur Ablenkung: den Twitter-Stream updaten, den Wasserkocher entkalken, die neuesten Corona-Zahlen checken. Gerade jetzt, in Zeiten der Ausgangssperren, ertappe ich mich besonders häufig beim Aufschieben. Weil meine abendlichen Verabredungen ausfallen, bin ich tagsüber unproduktiver als sonst. „Notfalls erledige ich das abends“, denke ich, und klicke mich durch Instagram-Bildchen oder Auslandsreportagen. Zufrieden macht mich diese Arbeitsmoral nicht.

Von Freischreiber-Stammtischen weiß ich: Ich bin nicht allein mit diesem Problem. Prokrastinieren, das krampfhafte Aufschieben von Aufgaben, ist eine weit verbreitete Marotte unter uns freien Journalist*innen. Zum Glück gibt es aber allerlei digitale und analoge Werkzeuge, die uns dabei helfen, die Balance zwischen fruchtbarer Freiheit und produktiver Disziplin zu finden.

Eines dieser Tools ist die sogenannte Pomodoro-Technik (oder Paradeiser-Technik, wie ich sie als Österreicherin liebevoll nenne): Benannt nach einer Küchenuhr in Tomatenform, wurde diese Zeitmanagement-Methode schon in den 80er-Jahren entwickelt. Die Idee: Die gesamte Arbeitszeit wird in 25-Minuten-Abschnitte zerteilt. Auf eine Arbeitsphase folgt eine fünfminütige Pause. Danach heißt es weiterarbeiten –  wieder 25 Minuten lang. Wer will, kann den gesamten Arbeitstag in solche Abschnitte gliedern.

Ich bin ein bekennender Paradeiser-Fan: Statt der altmodischen Küchenuhr nutze ich aber die App FocusKeeper (in der Basis-Version kostenlos). Einmal geöffnet, begrüßen mich ein tomatenroter Hintergrund und eine digitale Zeitanzeige. Die App kann nicht viel, und das Minimalistische ist das Wundervolle an ihr. Ihr einziges Feature: Ich muss festlegen, wie lange meine Arbeitsphasen und Pausen dauern sollen – und wie viele Arbeitsrunden ich mir zum Ziel setze.

Die Sekunden tröpfeln unerbitterlich

Und los geht’s! Die Sekunden tröpfeln unerbittlich abwärts. 25 Minuten ohne Ablenkung zu arbeiten schaffe ich immer. Unverzüglich tauche ich in meine Gedanken ab – und in meinen Text hinein. Ich zwinge mich, allen Ablenkungen zu widerstehen, Mails und Eilmeldungen zu ignorieren und mich nur meinem Textdokument zu widmen. Wenn der Wecker klingelt, bin ich oft überrascht, wie schnell die Zeit vergangen ist. Zufrieden starte ich in die fünfminütige Kaffeepause. Der Texteinstieg steht.

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Die Technik funktioniert, vor allem beim holprigen Einsteigen in kreative Projekte und bei schwierigen ersten Sätzen. Die kurzen Arbeitsphasen wirken auf mich nicht so bedrohlich wie ein vielstündiger, unstrukturierter Arbeitstag im Homeoffice. Die Aussicht auf die Auszeit nimmt mir die Angst vor der kreativen Niederlage – und macht meinen Geist beweglicher. Kaffeekochen und Wasserkocher-Entkalken erledige ich immer noch, aber eben in der Pause.

Wer die Pomodoro-Technik selbst versuchen will, kann dies natürlich ganz analog mit einer Küchenuhr tun, egal ob in Eier- oder Tomatenform. Wer lieber digitale Apps nutzt, hat die Qual der Wahl – mit Apps oder Desktop-Programmen wie Tomato Timer, Marinara Timer oder Focus To Do. Im Grundsatz funktionieren sie alle ähnlich. Nur die Pausenmelodien sind überall unterschiedlich. Und ob man sich beim Kreativsein am liebsten vom Donauwalzer oder der FC-Köln-Hymne unterbrechen lässt, ist dann wirklich Geschmacksache.   

Was hilft noch …

  • … gegen leere Textdokumente? Die App Write or Die bestraft das Nichtschreiben. Im sanften Modus erinnert das Programm mit lauter Musik ans Weitermachen. Im Kamikaze-Modus löscht die App bereits geschriebene Buchstaben – solange du keine neuen Worte eintippst.
  • … gegen notorisches Internet-Surfen? Mithilfe der App SelfControl (nur für Mac-User) kann man ablenkende Seiten browserübergreifend blockieren. Wer sich zum Beispiel gern von Facebook oder Instagram ablenken lässt, setzt diese beiden Websites einfach auf eine individuelle Schwarze Liste und kann sie nicht mehr (oder nur für eine gewünschte Zeitspanne pro Tag) aufrufen.
  • gegen Smartphone-Abhängigkeit? Du greifst ständig zum Smartphone, statt dich auf deinen Text zu fokussieren? Die App Forest hilft dir auf charmante Weise: Willst du dich konzentrieren, pflanzt du einen virtuellen Baum auf deinem Smartphone. Nur wenn du das Handy fortan in Ruhe lässt, kann der Baum gedeihen und wachsen.
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