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Unentbehrlich: Freie im Lokalen

Unentbehrlich: Freie im Lokalen

Kleinstadt, sonnendurchflutet

Freie Journalist*innen im Lokalen gelten oft noch immer als Terminklopper. Von diesen alten Zwängen müssen sie sich in Zeiten der Corona-Krise befreien.

Von Jens Eber

Im Lokalen besuchen freie Journalist*innen Konzerte, Theateraufführungen, Gemeinderatssitzungen, Feuerwehrhauptversammlungen und unzählige Sportveranstaltungen. Das erscheint von außen oft wenig glamourös, aber diese freien Kolleg*innen sind tragende Säulen ihrer Redaktionen. Punkt. Keine Montagsausgabe kommt ohne das Material aus, das freie Lokaljournalist*innen am Samstag und Sonntag schreiben.

Zum Star der Branche wird im (freien) Lokalen freilich kaum einer, und die meisten werden froh sein, wenn sie Miete, Sprit und den nächsten Rechner übers Schreiben finanzieren können, denn die Honorare im Lokalen sind oft noch lausiger als im Durchschnitt der Branche. Meist wird für die (gedruckte!) Zeile bezahlt, und wer dafür 40, 50 oder 60 Cent bekommt, hat schon Glück. Auf die Stunde heruntergebrochen ist das immer noch bestürzend wenig, denn wer am Samstagabend drei Stunden im Theater saß und als Schnellschreiber*in am Sonntagmorgen in anderthalb Stunden die Rezension in den Rechner gehackt hat, müsste nach der Rechnung unseres Bibel-Autors Jan Schwenkenbecher bei einem Stundensatz von 33,63 Euro gute 150 Euro ansetzen. Mindestens! Zuzüglich Umsatzsteuern und Fahrtkosten.

In der Realität können Lokal-Freie darüber nur lachen, weinen oder verzweifeln. Wenn sie, ohne Foto, 80 Euro Zeilengeld bekommen, sind sie schon ganz gut dabei.

Freischreiber wollte auf diese Missstände im Lokalen bei der Jahrestagung von Netzwerk Recherche mit der Vorstellung des zweiten Honorarreports aufmerksam machen. Die Tagung ist nun verschoben, den Honorarreport werden wir natürlich dennoch veröffentlichen. Aber auch dieser Job muss derzeit warten, denn Corona hat das Sagen.

Wer im Lokalen als Terminjournalist*in (sorry, Kolleg*innen, das Wort ist echt blöd …) arbeitet, ist von Corona hart betroffen. Kultur und Sport liegen – was die Termine angeht – komplett am Boden, auch aktuelle Vereinsberichterstattung ist seit Wochen ausgeschlossen. Für viele Freie ist das journalistische Schwarzbrot damit ausgetrocknet und zerbröselt.

Weil wir Freischreiber*innen hoffnungslose Optimisten sind, sind wir trotzdem überzeugt, dass Corona nicht den Untergang der Freien im Lokalen bedeutet. Die Krise birgt die Chance zu zeigen, dass wir eben mehr sind als Terminklopper, dass wir flexibel, kreativ, leidenschaftlich und erfahren sind, gut vernetzt und gut ausgebildet. Und, ja, dass unsere Arbeit mehr wert ist als die paar Euro, die vielerorts herausspringen.

Etliche Lokalredaktion sind in den vergangenen Wochen in die Kurzarbeit gegangen. Zwar sind auch die Seitenumfänge der Lokalredaktionen teils deutlich zurückgegangen, unbegrenzt lässt sich hier aber nicht minimieren, ohne die zahlende Leserschaft zu vergrätzen. Die Rechnung ist einfach: Es gibt keine Termine, die Material generieren, und die Redaktionen arbeiten oftmals nur noch in halber Besetzung. Sprich: Viele Lokalredaktion brauchen genau jetzt Material, und ohne die Ideen freier Mitarbeiter*innen ist das kaum zu schaffen.

Wir müssen unentbehrlich werden

Wir haben die Chance, mit guten, auch unter den Bedingungen des Kontaktverbots zu recherchierenden Geschichten zu punkten. Die Rumpfbesetzungen, die unter Kurzarbeit verblieben sind, können wahrscheinlich problemlos das tragende Skelett der Berichterstattung stemmen. Freie können drumherum für das Fleisch sorgen, für Geschichten, die um die Ecke gedacht sind, die unterm Radar fliegen. Wie hat sich die Nachfrage bei Lebensmittel erzeugenden Betrieben in der Region entwickelt? Was machen Gärtnereien mit all den Blumen, die sie für Ostern gezogen hatten? Welche Betriebe sind auf Arbeiter*innen aus Osteuropa angewiesen – und bekommen sie auch? Wie trainieren Leistungssportler*innen, wenn die Hallen geschlossen sind? Wie ist die Lage im örtlichen Tierheim? Funktioniert die Forstwirtschaft noch reibungslos?

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Wir können Konzepte für Serien entwickeln und anbieten, neue Formate erdenken und so jetzt die Basis legen, um nach der Krise weniger entbehrlich denn je zu sein.

Und, ja, verdammt, wir müssen auch wieder über Geld reden. Genau jetzt. Auch wenn die Verlage vielleicht zu Recht unter dem gravierenden Anzeigenrückgang leiden. Nichts anderes raten wir auch Krankenschwestern und -pflegern, die jetzt in den Kliniken händeringend gesucht werden. Wer begehrt ist, hat einen höheren Marktwert, und der bemisst sich in letzter Konsequenz eben in besserer Bezahlung.

Dabei muss das mittelfristige Ziel sein, von den elenden Zeilenhonoraren wegzukommen, die in keiner Weise den zeitlichen oder gedanklichen Aufwand widerspiegeln, der hinter einer Reportage, einem Porträt oder einer Recherche im Lokalen steckt. Das Ziel muss eine Bezahlung nach Zeitaufwand sein, und zwar in einer Höhe, die unserer Ausbildung, Erfahrung und Expertise entspricht. Und was wir zu leisten in der Lage sind, können wir jetzt beweisen, indem wir uns von den alten Zöpfen des Terminjournalismus befreien.

Bild: shutterstock.com |  canadastock

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