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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 9

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 9

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Den Brunnen füllen

Das vorletzte Camp beginnt, die neunte Übung mit Julia Camerons „Weg des Künstlers“. Sie ist so flockig-leicht wie die Experimente am Anfang, als ich noch Ornithologin spielte und Taranteln malte. Sie heißt: den Brunnen füllen. Es geht darum, mithilfe von Bildern wieder aufzutanken, wenn man ausgelaugt ist nach zu viel Arbeit. „Die Sprache der Kunst“, schreibt Julia Cameron, „besteht aus Bildern und Symbolen. Sie ist eine wortlose Sprache, selbst dann, wenn unsere Kunst darin besteht, sie mit Worten zu jagen.“

Zur Erinnerung: Habt keine Scheu vor dem Wort „Kunst“, auch wenn wir keine Künstler*innen sind. Es meint das Handwerkszeug, das wir als kreative Handwerker*innen brauchen. Und wenn wir so tagein, tagaus kreativ sind, über Beiträgen brüten, unser Bestes geben, dann versiegt allmählich die Quelle. „Jede längere Arbeitszeit und jedes größere Werk zapfen unseren künstlerischen Brunnen stark an. Unsere Arbeit trocknet aus.“ Dann müssen wir den Brunnen wieder füllen. Bloß wie? „Wir füttern ihn mit Bildern“, schreibt Cameron. Das kann man ganz wörtlich nehmen: Bildbände anschauen, Gemälde in Museen betrachten. In alten Fotos stöbern. „Den Brunnen füllen schließt die aktive Suche nach Bildern ein, um unsere künstlerischen Reservoire aufzufrischen.“

Bildband: 3,2 Kilo

Das nehme ich jetzt mal ganz wörtlich. Es ist spätabends, ich bin müde nach einem zu langen Arbeitstag. Aber diese Übung kommt mir gerade recht. Denn ich horte Bildbände, die ich mir so gut wie nie anschaue, weil mir die Muße dafür fehlt. Dabei liebe ich diese schweren Schinken, die man sich auf die Oberschenkel legen muss. Spaßeshalber wiege ich „Planet Meer“, während ich darauf warte, dass das Teewasser kocht. Satte 3,2 Kilo bringt der Bildband auf die Waage, genauso viel wie Andy Goldsworthys „Projects“. Wenn Bilder den Brunnen wieder füllen, dann vertiefe ich mich jetzt in meine Fotobände von ziehenden Gnu-Herden („Das große Wunder der Tierwanderungen“) und den riesigen steinernen Ei-Skulpturen des schottischen Land-Art-Künstlers Andy Goldsworthy („A Collaboration with Nature“). 

Einige seiner Arbeiten kenne ich. Vor zwei Jahren habe ich Goldsworthy in Schottland besucht, um ein Porträt über ihn zu schreiben. Aber ich bin das Thema nie losgeworden, bis heute ist das Stück ungeschrieben. Dabei schafft der Mann fantastische Dinge aus Elementen der Natur, aus Blättern, Zweigen, Eiszapfen. Vielleicht, so denke ich, während ich die Seiten umblättere und wieder hingerissen bin von Goldsworthy-Eisbögen und Mauern, in denen er Bäume versenkt hat, vielleicht sollte ich das Porträt doch noch schreiben, nur für mich. Und damit herumexperimentieren. Ein Porträt, wie ich es noch nie gemacht habe. Wie ich es mich auch nicht trauen würde bei einem Text, den ich verkaufen will. Vielleicht streue ich O-Töne von Leuten dazwischen, die ihn nicht kennen und die ich auf der Straße befragen würde. “Goldsworthy? Wer soll das sein? Zeigen Sie doch mal was von seinen Sachen. Oha. Das sieht ja irre aus. Wie hat er das gemacht? Stellt der sich echt in einen See und montiert Zweige aneinander?”

Ein Waisenheim für Texte

Bei Riffreporter, einer Journalist*innen-Genossenschaft, gibt es ein Projekt namens „Unverkäuflich“. Es ist eine Art Waisenheim für Texte. Da stellt die Autorin ihre Stücke online, die niemand haben wollte, zusammen mit den Ablehnungsbegründungen. Eine großartige Idee, finde ich. Und während ich so durch die Seiten von „Planet Meer“ blättere, stelle ich fest, dass ich die ganze Zeit über Ideen nachdenke. Über neue Darstellungsformen im Journalismus, wo die alten doch schon seit Jahrhunderten in Betrieb sind und sich kaum ändern. Was ich verwunderlich finde, weil in unserer Branche gerade alles auf links gedreht wird. In Camerons Buch gibt es im Kapitel “Risiko” eine mögliche Antwort. “Wir erkennen nicht an”, heißt es dort, “dass wir, um etwas gut machen zu können, zuerst bereit sein müssen, es schlecht zu machen. Stattdessen entscheiden wir uns dafür, unsere Grenzen dort zu setzen, wo uns ein Erfolg sicher ist.”

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Fische mit Beinen

Doch zurück zu meinen Bilderbüchern. „Wenn Sie den Brunnen füllen“, schreibt Cameron, „dann denken Sie an Magie. Denken Sie an Vergnügen. Denken Sie nicht an Pflicht.“ Genau das tue ich jetzt. Stoße im Meeresband auf ein unglaubliches Foto. Es zeigt Fische, die nicht schwimmen können. Sie leben auf dem Meeresboden und laufen dort herum, mit Brustflossen, die zu Beinen umgewandelt sind. Und die ein bisschen so aussehen wie die schaufelartigen Vorderpfoten von Maulwürfen. Von solchen Tieren habe ich noch nie gehört. Hatte ich nicht gerade noch Sehnsucht nach Neuem? Zwar in meiner Branche, aber unbekannte Tierwelten nehme ich auch. Als Metapher. Ein Fisch, der nicht schwimmen kann, ist wie eine Geschichte, die niemand liest und die in einer Schublade verkümmert. Hat man allerdings einen gut gefüllten Brunnen, könnte man es riskieren, sie trotzdem zum Laufen zu bringen. Dann eben auf ihren Brustflossen.

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