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Gegangen, um zu bleiben: meine Exit-Strategie

Gegangen, um zu bleiben: meine Exit-Strategie

Jens Eber weiß aus Erfahrung, wie schwer die Arbeit als freier Lokaljournalist ist. Wegen der Corona-Krise hat er sich einen Nebenjob gesucht, der zu den schwersten und unfallträchtigsten überhaupt gehört: Er arbeitet als Holzfäller.

Ein Montag im März, gegen halb sieben am Morgen. Ein schneidender Ostwind pfeift über die Schwäbische Alb. Ich stehe mit fünf Männern auf dem Hof eines Forstunternehmers, der gerade die Aufgaben für diesen Tag verteilt. Zwei werden Bäume pflanzen, andere sollen in einem Kommunalwald Buchen fällen, ich werde mit dem Chef losziehen und Fichten abtrennen, entasten und zerteilen, die der Sturm ein paar Wochen zuvor umgeworfen hat.

Mir ist etwas mulmig zumute, nicht nur, weil ich von allen die sauberste Schutzkleidung trage (was sich an diesem Tag schnell ändern wird), sondern weil das eine bestürzend ungewohnte Erfahrung ist: Kollegen haben, in aller Herrgottsfrüh in den Wald fahren, den ganzen Tag eine Arbeit verrichten, die zu den schwersten und unfallträchtigsten überhaupt gehört.

Corona macht’s möglich.

Zurück zu den Wurzeln

Eigentlich bin ich freier Journalist. In diesem Beruf habe ich gern und oft mit Wald zu tun, aber eben mit Notizblock und Kamera, selten mit der Motorsäge. Aber jetzt zahlt sich aus, dass ich vor fast 30 Jahren diesen anderen Beruf erlernt habe: Forstwirt.

Ich war 16, hatte nur meine Punkband im Kopf, in der ich trommelte und aus heutiger Sicht herrlich naive Texte schrieb. Schule war scheiße, also schmiss ich sie hin und unterschrieb einen Ausbildungsvertrag mit dem örtlichen Forstamt. Holz hatte ich schon immer gern, und der Wald versprach mehr Action als der Unterricht. Die körperliche Anstrengung der Waldarbeit machte mich ein bisschen ruhiger.

Die Geschichte, wie und warum ich ein paar Jahre später den Wald verließ und weitere Jahre danach Journalist wurde, ist zu lang und außerdem unwichtig für diesen Beitrag. Es soll aber darum gehen, wie ich jetzt, fast 30 Jahre später, wieder in den Wald gefunden habe.

Wie bei den meisten freien Journalist*innen schlug die Pandemie auch bei mir durch. Zunächst nicht einmal existenzbedrohend, aber unangenehm genug. Jeder weiß ja, dass das wirtschaftliche Polster der Freien nicht allzu weich ist.

Der Forstunternehmer ist ein alter Freund. Irgendwann Anfang März trafen wir uns und plauderten beim Abendessen. Ich erwähnte, dass die Lage im Journalismus langsam schwieriger werde, von einem eh nur mäßig berauschenden Niveau bröckelten nun viele Aufträge weg. Er sagte, ich solle eben in den Wald kommen, da gebe es immer Arbeit. Ein paar Tage lang keimte dieser beiläufige Satz in mir, dann rief ich ihn an. Einen Tag später hatte ich zum ersten Mal einen 450-Euro-Job.

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Bäume fällen statt Zeilen schinden

Das Beste daran ist nicht einmal das Geld, obwohl der schweißtreibend erarbeitete Zuschuss in diesem Frühjahr sehr willkommen ist. Wichtiger ist, dass die ein, zwei Tage in der Woche mir ein bisschen Ruhe verschaffen, den Druck herausnehmen. Ich spüre, dass ich nicht vollständig abhängig bin von mageren Zeilenhonoraren, dass ich nicht jeden Auftrag annehmen muss, hinter dem ich vielleicht gar nicht stehen könnte, dass ich sogar jetzt auch mal Nein sagen konnte.

Ein Stück weit ist das vielleicht auch das Eingeständnis, dass das Geschäftsmodell des freien Journalismus auf dem bröckeligen Fundament der Selbstausbeutung gebaut ist. Die Forstarbeit bewegt sich beileibe nicht in der Hochlohnzone, aber umgerechnet auf so manches Freien-Honorar ist es dann doch wieder nicht so schlecht.

Ich empfinde es überhaupt nicht als Schande, mir im Wald ein Zubrot zu verdienen. Aber angesichts des Selbstbewusstseins, mit der die Verlagsbranche sich als systemrelevant ansieht, tut es weh zu sehen, wie gering die Solidarität mit den Freien ist. Bibelkollege Jakob Vicari hat das jüngst sehr treffend im Interview mit dem Medium Magazin zusammengefasst: „Wir haben Solidarität eingefordert. Und bekamen einen Auftragsstopp. Keine Pointe.“

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Ein Ausweg, um zu bleiben

Nun ist dieser Beitrag mit „Exit“ überschrieben, der Ursprungsgedanke war, einen Weg aus der Malaise des (freien) Journalismus aufzuzeigen. Aber eigentlich passt das nicht, es soll nicht darum gehen, aus dem Journalismus auszusteigen. Die meisten Journalist*innen – und die Freischreiber-Mitglieder ganz bestimmt – brennen für ihren Beruf, recherchieren, schreiben, produzieren mit großer Leidenschaft. Journalismus ist uns eine Berufung, so ausgelutscht das klingen mag. Aber eben auch eine, die uns bis an den Rand des Substanzverzehrs stressen kann. Am Existenzminimum zu krebsen ist für gut ausgebildete, hochmotivierte und erfahrene Journalist*innen nicht nur beschämend, es bedeutet emotionalen Stress. Unsicherheit kann krank machen. Selbst kress.de als Zentralorgan der dynamischen Medienmanager*innen warnt im Frühjahr 2020 immer wieder vor dem Corona-Stress.

Trotzdem geht es hier um eine andere Art Exit-Strategie. Eine, die uns den Ausweg eröffnet, um das Bleiben zu ermöglichen.

Diese Exit-Strategie, wie ich sie verstehe, bedeutet ein Innehalten. Wir setzen uns hin, aufs Sofa, in den Garten, ans Flussufer, auf den Berggipfel, und überlegen einmal, was wir machen könnten, wenn wir Stift und Block, Kamera und Keyboard an den Nagel hängen würden. Wir schieben jetzt alle Träume von fett florierenden Medien-Start-ups („Schiff!? Pfff! Ein Flugzeug als Redaktionssitz!“) und auf uns einprasselnde Journalist*innenpreise beiseite. Es ist jetzt nicht die Zeit für Träume, es geht um eine ganz realistische Einschätzung, welche unserer Skills wir außerhalb des Journalismus anwenden könnten.

Der eine kann exzellent kochen, die andere hat Pflegeerfahrung, jemand kann Autos reparieren oder fühlt sich in Labors heimisch. Und dann überlegen wir ganz konkret, wie wir diese Fähigkeiten zu Geld machen: als Aushilfskoch, als Pflegekraft, als Mechanikerin. Wohl allen, die einmal ganz klassisch im Handwerk gelernt haben.

Wir überlegen, wer unsere Fähigkeiten brauchen könnte, und dann ziehen wir los, greifen zum Telefon oder schreiben Mails. Irgendwer da draußen wird gerade auf uns warten, denn wir sind fleißig, arbeiten selbstständig und zu den irrsten Zeiten. Freischreiber-Kollegin Caroline Schmidt-Gross hat es genauso gemacht, sie fand beim Bio-Bäcker einen Job als Auslieferin, steht mitten in der Nacht auf, um Filialen mit frischem Brot zu versorgen. Irgendwo da draußen sind alte Freunde, die einen Bauernhof betreiben und die gerade dringend Aushilfen suchen. Manchmal braucht es ja wirklich nur eine Frage bis zum Minijob.

Eine neue Perspektive

Meine Erfahrung mit dem Waldjob ist, dass er mir Ruhe verschafft. Nach acht, neun Stunden mit der schweren Motorsäge bin ich körperlich so müde, dass alle Sorgen, die 2020 so prägend sind, ein bisschen kleiner erscheinen. Interessant finde ich auch, dass mir diese Arbeit ganz andere Einblicke bringt. Ich habe in den vergangenen Jahren viel über Wald geschrieben. Aber jetzt, mit der Motorsäge in der Hand zwischen den Bäumen, stelle ich mir über die Gemengelage aus Natur, Forstwirtschaft, Klimawandel und Gesellschaft ganz neue Fragen. Der Job, den ich im ersten Moment aus schierer Existenzangst angenommen habe, liefert mir nebenbei also noch Ansätze für neue Recherchen. Er wird so zum Türöffner, zum Exit in den Journalismus.

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