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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 7

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 7

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Der heilige Ort

Ihr erinnert euch: In einigen Übungen des Zehn-Wochen-Experiments ging es vor allem um Zeit. Zeit, die wir mit anderen Dingen verbringen sollen als mit Journalismus, damit wir bessere Schreiber*innen werden. Von einem Ort zum Schreiben war bislang nicht die Rede. Das ändert sich mit dieser Übung. Sie heißt: der heilige Ort.

Ich muss sagen, je länger ich mich mit Julia Camerons „Weg des Künstlers“ beschäftige, desto mehr muss ich um vieles einen Haken schlagen wie ein Hase, der Hindernissen ausweicht. So auch um den Begriff „heilig“. Wenn ich den für mich übersetze, geht es nicht um einen heiligen, sondern um einen wichtigen Ort. Oder besser gesagt: um zwei. Einmal ist euer Arbeitsplatz gemeint, zum anderen ein Ort draußen, an dem ihr auftanken könnt.

Ich weiß nicht, wie es anderen Journalist*innen geht, aber die Frage, WO ich mich beim Arbeiten aufhalte, finde ich enorm wichtig. Es gibt Orte, an denen mir nichts einfällt. Das habe ich mal in einer Ferienwohnung gemerkt. In der wollte ich eigentlich eine Woche lang Urlaub und konzentriertes Schreiben miteinander verbinden. Bis heute weiß ich nicht, woran es lag – an der spießigen Einrichtung oder an der wunderschönen Umgebung, die mich immerzu rauszog –, aber ich hab dort nichts zuwege gebracht. Mein Hirn stand in diesen vier Wänden still, ich starrte bloß tumb auf den Bildschirm. Erst als ich zum Arbeiten in ein Café zog, kam ich voran.  

Jetzt, wo es so viele Zoom-Konferenzen gibt, schaue ich in die Arbeitszimmer von Kolleg*innen und wundere mich manchmal, wo da die Rechner stehen: in Kinder- oder in Schlafzimmern zum Beispiel. Allerdings nur bei Frauen. Männer haben meist eigene Arbeitsräume, während Frauen sich offenbar eher dort einrichten, wo halt Platz ist. Dabei sagt Cameron: „Ein kreatives Leben erfordert den Luxus eines eigenen Platzes.“

Daher lautet der erste Teil der heutigen Übung: „Schauen Sie sich Ihre Wohnung an. Gibt es ein Zimmer, das Sie zu einem geheimen privaten Platz für sich machen könnten?“

Luxus mit Winkekatze

Ihr braucht einen Ort, der euch inspiriert. Einen Platz, der nur euch gehört und an dem ihr nicht gestört werdet. Wenn der sich nicht in eurer Wohnung befindet, mietet euch einen Raum. Zu teuer? Gegenfrage: Was kostet es, sich dauernd mit einem Arbeitsplatz zu arrangieren, der euch nicht inspiriert? Wie viele Aufträge schafft ihr an einem guten Ort in kürzerer Zeit als an einem schlechten?

Wenn das aus finanziellen Gründen nicht infrage kommt: Aus Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer lassen sich auch zwei persönliche Räume plus ein gemeinschaftlich genutztes Zimmer machen. Cameron schlägt bei ganz kleinen Wohnungen vor, ein Zimmer abzuteilen, mit einer spanischen Wand oder einem Tuch. Dahinter ist dann euer Reich, das niemand sonst betritt. Und das auch nur ihr einrichtet. Mit albernen Dingen – Lichterketten, Winkekatzen, Mobiles –, denn ein nackter Raum ist ein langweiliger Raum. „Viele Künstler“, so Cameron, „sind der Meinung, dass ihr Arbeitsplatz wie ein Spielplatz aussehen sollte, damit sie gut arbeiten können.“ Ich gebe es nicht so gern zu, aber auch mein Reich ist auf eine gewisse Art kindlich. Da ich Tiere liebe, ist es ein Zimmer voller Tierbilder: Luchs, Eule, Tiger hängen neben Adler, Rabe und Echse. Federn aller Art stehen auf dem Fensterbrett. Ein großer Hecht aus Holz bewacht meinen Schreibtisch. Eine Schlangenhaut liegt im Regal. Neben den beinweißen Schädelknochen von Vögeln und Nagern, gefunden auf meinen Spaziergängen. Und ich muss sagen, die Tatsache, dass vermutlich nur ich mich in diesem Raum wohlfühle, hat was Befreiendes.

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Aber es gibt noch einen zweiten Teil der Übung: „Führen Sie sich an einen heiligen Ort“, schreibt Cameron. „Und erlauben Sie sich, die Stille und die heilende Einsamkeit zu genießen.“ Das muss kein Platz in der Natur sein. Bei Cameron selbst ist es ein großes Uhrengeschäft, warum auch immer.

Van Gogh am morschen Steg

Ich hab nach langer Zeit für diese Übung wieder meinen Van-Gogh-Platz aufgesucht. Den nenne ich so, weil ich dort immer an die Bilder dieses Malers denken muss. Es ist ein morscher Steg an einem kleinen, schnell fließenden Fluss. Sitze ich da, blicke ich auf das hohe Gras am anderen Ufer, wo dann und wann ein Kuhgesicht auftaucht. Auf dem Wasser trudeln Entenfedern. Ich weiß nicht, was es ist, aber an diesem Platz habe ich stets das Gefühl, dass alles gut werden wird. Dass alles sich fügt, auch wenn ich gar nichts mache.

Es gibt in diesem dicken Buch von Julia Cameron einen Satz, den ich mehr als alles unterstreichen möchte, es ist ein existenzieller Satz für alle, die kreativ sind. Und dessen Richtigkeit ich an meinem Van-Gogh-Platz mit Händen greifen kann. Er heißt: „Wir möchten großzügig, nützlich, der Welt zugehörig sein; was wir jedoch wirklich wollen, ist, in Ruhe gelassen zu werden.“
Ich kann euch nur raten, sucht euch so einen Ort.

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