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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 6

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 6

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Die Schutzkarte

Bergfest! Die Hälfte des Zehn-Wochen-Experiments ist rum. Zeit, sich auf der Anhöhe umzublicken. In den ersten fünf Folgen ging es ja nur um uns selbst. Darum, wie sich ein Tag ohne Lesen anfühlt. Oder welche Sportarten uns auf neue Ideen bringen. Nun schauen wir hinaus, zu den Kolleg*innen, den Freund*innen, der Familie. Ist unter all den Wohlmeinenden vielleicht jemand dabei, der uns bremst? Und warum ist es wichtig, dass wir das herausfinden?

Weil die wiedererwachende Kreativität ein Pflänzchen ist, das gehegt werden muss. Zu frühe scharfe Worte können es zerstören. „Wir müssen in der Lage sein“, schreibt Julia Cameron, „sinnvolle Kritik von anderer Kritik zu unterscheiden.“ Sinnvolle Kritik kann einen Aha-Moment auslösen. Sie findet das Puzzlestück, das zu einer guten Arbeit noch fehlt. Wie es vor drei Jahren meine beste Freundin getan hat, als ich anfing, mein Buch über Tierintelligenz zu schreiben. Alles war bereit, die Recherche fertig, die Struktur klar, es konnte losgehen. Aber ich fand meinen Weg nicht hinein in das Buch, schrieb wie mit angezogener Handbremse. Meine Freundin spürte das sofort, als sie die ersten Seiten las, und stellte die entscheidende Frage: „Für wen schreibst du das?“ Das war das Puzzleteil, das noch fehlte. Ich hatte meine Expert*innen angesprochen, Biolog*innen, die die Intelligenz von Tieren erforschen. Aber für die war das Buch gar nicht gedacht. Sondern für all jene, die sich einfach nur für Tiere interessieren, ohne dass sie Vorwissen mitbringen. Meine 78-jährige Mutter sollte das Buch lesen können, ohne in einem Lexikon nachschlagen zu müssen. Ab diesem Moment lief es rund. Dank der frühen, treffsicheren und warmherzigen Kritik.

Daneben gibt es auch nutzlose Kritik, die destruktiv und vernichtend ist. Sie lässt uns, so Cameron, „mit dem Gefühl zurück, dass wir niedergeknüppelt worden sind“. Wir haben als Journalist*innen scharfe Kritiker*innen in unseren Reihen, die kein gutes Haar an unserer Arbeit lassen. Daher heißt die Übung heute: die Schutzkarte. Sie soll frühe Projekte abschirmen, die noch keine Erschütterungen überstehen. Die wie ein Soufflé in sich zusammenfallen, bei dem man die Backofentür zu früh aufreißt. Das kann eine schwierige Tiefenrecherche sein. Oder der Plan zu einem Start-up. Oder eine Buchidee. Wie bei mir, da formt sich gerade was Neues, doch das ist noch mehr ein Samenkorn als ein Pflänzchen.

Fragile Ideen im Kreis

Für die Schutzkarte zeichne ich einen Kreis. Dahinein soll ich alle meine fragilen Ideen setzen, die schutzbedürftig sind. Bis auf das Buch kommen mir meine anderen Pläne robust vor. Also schreibe ich in die Mitte: Buchidee. „Setzen Sie die Namen derer hinzu, die Sie als unterstützend empfinden“, heißt es bei Cameron. „Schreiben Sie außerhalb des Kreises die Namen derer auf, vor denen Sie sich zurzeit schützen müssen.“

Für das Kreisinnere fallen mir sofort Namen ein, meine guten Freundinnen, meine solidarischen Kollegen, denen ich unbefangen erzählen kann, was ich vorhabe, weil sie stets konstruktiv sind. Aber ich finde auch ein paar Leute für den Bereich außerhalb des Kreises. Etwa eine Auftraggeberin, bei der ich immer aufpasse, was ich sage, weil mich etwas in ihrer Gegenwart warnt. Oder mein früherer Lieblingskollege, der so unglücklich mit seinem Job ist, dass das auf mich abfärbt. Wir treffen uns zwar nicht mehr, aber wer weiß.

Die Schutzkarte lege ich auf den Schreibtisch. Sie soll mich daran erinnern, nur mit Leuten aus der Kreismitte über mein Samenkorn zu sprechen. Ich kann noch nicht sagen, wie sich die Schutzkarte auswirkt. Weil noch niemand angerufen hat, vor dem ich meine Idee schützen müsste. Aber ich ahne, wie zum Beispiel mein Exkollege reagieren könnte, sollte ich ihm je von meiner Buchidee erzählen. Kein schöner Gedanke.

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Da Kritik für uns aber wichtig ist, kommen hier noch ein paar Faustregeln von Cameron. Sie sind nützlich im Umgang mit jeder Form von Feedback, sinnvoller wie destruktiver. Faustregel Nummer eins: „Notieren Sie, welche Vorstellungen und Sätze Sie stören.“ War es nur der Tonfall der Kritik? Oder hat mich auch ihr Inhalt verletzt? Beim Aufschreiben kann sich mein Gemüt beruhigen. Und ich finde vielleicht den Kern der Sache, der mich voranbringt.

Hässliche Entlein

Zweite Faustregel: „Notieren Sie, welche Vorstellungen und Sätze Ihnen nützlich erscheinen.“ Das Tolle an Feedback ist ja der Blick von außerhalb, den ich selbst nie einnehmen kann, diese andere Perspektive. Wie viel Wissen kann ich bei Leser*innen voraussetzen? Fühlen sie sich für dumm verkauft, wenn ich zu viel erkläre? Das sind wertvolle Infos, die mir nur ein Gegenüber liefert.

Aber am schönsten finde ich diese Faustregel: Selbst ein lausiges Werk kann seinen Sinn haben, als hässliches Entlein einer Wachstumsphase. Weil bestimmte Fehler danach nicht mehr vorkommen. Zum Beispiel zu vergessen, für wen wir schreiben.

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