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Tools nach Typ: Transkribier-Apps im Test

Tools nach Typ: Transkribier-Apps im Test

Mann mit Kopfhörer vor Computer

Transkribieren frisst Zeit und kostet Nerven. Wir testen Werkzeuge, die das stundenlange Tippen vereinfachen sollen.

Das Interview mit der Expertin verlief vielversprechend, auf dem Band befinden sich überraschende Antworten und knackige Zitate. Zufrieden hockt man sich nach getaner Arbeit an den Computer – und macht dort eine furchteinflößende Entdeckung: Das Gespräch dauerte lange. Zu lange. 117 Minuten Redezeit müssen transkribiert werden.

Es gibt im Freien-Alltag kaum etwas Öderes, als stundenlang den eigenen (mitunter verschwurbelten) Fragen zu lauschen und die (allzu ausführlichen) Antworten der Interviewpartner*innen abzutippen. Zum Glück wurden einige Werkzeuge entwickelt, die uns diese Arbeit vereinfachen können. Doch halten sie auch, was sie versprechen? Wir haben Transkriptions-Tools getestet, die euch Zeit und Mühe sparen wollen.

Für Schnelltipper*innen: manuelles Transkribieren mit oTranscribe oder f4transkript

oTranscribe nimmt einem das Abtippen zwar nicht ab, vereinfacht den Prozess aber allemal. Die kostenlose Web-App verfügt neben einer einfachen Textverarbeitung über einen eingebauten Audio-Player. Weil Ton und Text ins gleiche Fenster integriert sind, hat zumindest das nervige Herumspringen zwischen Textverarbeitungs- und Abspiel-Programm ein Ende. Das Interview im Ohr, kann man das Gehörte entspannt abtippen und formatieren. oTranscribe benötigt dafür keinerlei Registrierung und ist kostenlos. Die Transkription wird automatisch im Browser gespeichert – und kann auf Wunsch in Plain Text oder Google Docs exportiert werden.

Ansonsten punktet oTranscribe vor allem durch die schnörkellose, intuitive Bedienung. Hat man die Website geöffnet, lädt man das gewünschte Audio- oder Video-File zum Transkribieren hoch. Dann heißt es: Kopfhörer aufsetzen und lostippen. Die Formatierungsangebote sind selbsterklärend. Zum Starten und Pausieren der Aufnahme drückt man die Esc-Taste. Mit F3 und F4 lässt sich die Abspiel-Geschwindigkeit verändern, mit F1 und F2 bequem vor- und zurückspulen. Die festgelegten Tastenkombinationen ermöglichen schnelles Transkribieren, weil die Finger nicht von der Tastatur weichen müssen.

Ganz ähnlich funktioniert das Download-Programm f4transkript (Lizenz ab 129,90 Euro): Auch hier kann man beim manuellen Transkribieren die Abspielgeschwindigkeit an das Tempo des Sprechenden anpassen. Das Programm bietet außerdem einen ablenkungsfreien Vollbildmodus und die Möglichkeit, einen USB-Fußschalter zu integrieren. Hält man den Schalter gedrückt, spielt die Aufnahme. Lässt man ihn los, pausiert sie. Diese Möglichkeit lässt den Fingern mehr Freiheit zum Flitzen.

Fazit: Apps wie f4transkript oder oTranscribe erfreuen sich unter Journalist*innen schon seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Für geübte Schnelltipper*innen, die ihre Interviews ohnehin nochmals durchhören wollen, um sich die Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen, sind die Anwendungen genau das Richtige. Um das manuelle Tippen kommt man dabei allerdings nicht herum.

Für Tippfaule: automatisches Transkribieren mit Trint oder Transcribe

Du willst Interviews transkribieren, ohne einen Finger rühren zu müssen? Dann solltest du dich an Programme heranwagen, die automatisiertes Verschriftlichen versprechen – sogenannte Audio-to-Text-Apps. Während das Diktieren von Nachrichten in den Anfangsjahren sehr fehlerbehaftet war, hat sich in dem Bereich mittlerweile einiges getan – auch dank selbstlernender Systeme. Die Qualität des automatisch transkribierten Textes hängt dabei aber immer noch von der Qualität des aufgenommenen Audio-Files ab. Wer ein knarzendes Mikro verwendet, viele Hintergrundgeräusche oder einen nuschelnden Interviewpartner aufgenommen hat, darf sich nicht über schlechte Textresultate wundern.

Transcribe (20 US-Dollar pro Jahr, zusätzlich 6 US-Dollar pro automatisch transkribierter Audio-Stunde) beherrscht neben Englisch auch Deutsch und viele andere Sprachen. Die App bietet verschiedene Optionen des Transkribierens an: Wer ein gut verständliches Interview mit minimalen Hintergrundgeräuschen transkribieren will, kann den „automatic transcriber“ nutzen. Unser Test ergab: Ein mit dem Handy aufgenommenes Interview wurde zufriedenstellend transkribiert. Selbst Fremdworte wie „Numismatik“ wurden gut erkannt, Satzzeichen (meistens) sinnvoll gesetzt. Schwierigkeiten hatte die App allerdings mit dem Erkennen von Sprecher*innenwechseln, in unserem Fall zwei ähnlich klingende Frauenstimmen. Auch zusammengesetzte Wörter (im Deutschen ja sehr häufig) wurden nicht immer richtig erkannt, was mitunter zu verwirrenden Sätzen und Missverständnissen führte.

Wenn das Ausgangsmaterial nicht so klar und deutlich ist – etwa bei Aufnahmen in einem Café, bei Nuscheln oder Dialekten – bietet Transcribe eine alternative Option an: das nochmalige Diktieren von Texten. Dazu spielt man im Kopfhörer das gewünschte Audio in langsamer Geschwindigkeit ab und spricht die gehörten Sätze parallel deutlicher ein. Die App transkribiert die eingesprochenen Sätze „on the fly“. Mit ein bisschen Übung funktioniert das tatsächlich schneller als das manuelle Transkribieren.

Ähnlich funktioniert die App Trint (ab 55 Euro pro Monat), wenn auch etwas ausgefeilter. Einmal eingeloggt, landet man auf einem übersichtlichen Dashboard, das alle laufenden Projekte anzeigt. Nach dem Upload eines neuen Audio-Files dauert es einige Minuten, bis der transkribierte Text erscheint. Sodann kann man in einem übersichtlichen Textdokument die transkribierten Textzeilen einsehen.

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Die Qualität des Transkripts ist dabei deutlich besser als bei Transcribe. Sprecher*innenwechsel werden besser erkannt, außerdem sinnvollere Absätze erzeugt. Missverstandene Ausdrücke gab es im Test trotzdem zuhauf, vor allem bei seltenen oder komplizierten Ausdrücken: „Mindeststudienzeit“ wurde im Test zu „Mindestlohn“, die „Batzenwährung der Schweiz“ zu „Pupsen des Specks“. Ein praktisches Feature bei Trint: Das Tool verknüpft Text und Audio miteinander. Ein Mausklick auf ein missverstandenes Wort lässt den Ton ab dieser Stelle abspielen, um manuelle Änderungen vorzunehmen.

Fazit: Automatische Transkriptions-Tools wie Transcribe oder Trint haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Wer gute Qualität will, muss aber tief ins Portemonnaie greifen. Außerdem sollte man die Bearbeitungszeit nicht unterschätzen, die ein automatisch generiertes Transkript nach sich zieht. Um Missverständnisse oder Fehler zu vermeiden, muss man in den allermeisten Fällen nochmals in die ursprüngliche Audio-Datei reinhören. Und auch diese Nachbearbeitung bringt Geklicke und Getippe mit sich.

Für Ungeduldige: Live-Notizen mit otter.ai

Ein transkribierender Wassermarder? Die App otter.ai macht es möglich. Das Programm (in der Basisversion kostenlos) hat sich auf Live-Notizen bei Meetings oder Interviews spezialisiert. Damit bei langen Treffen manuelles Mitschreiben unnötig wird, transkribiert die App das Gesagte schon während der Aufnahme. Am Ende steht ein Transkript, das übersichtlich und gut durchsuchbar ist. Hat man während des Gesprächs Fotos gemacht, kann man diese auch noch an der richtigen Stelle im Transkript verlinken – ein praktisches Feature bei Multimedia-Vorträgen.

Doch nun der große Dämpfer: Bislang versteht der Wassermarder leider kein Deutsch, sondern nur Englisch. Bei einem englischen Diktat überzeugte die App dafür durch Flinkheit und Genauigkeit, zumindest bei gebräuchlichem Vokabular und ohne Hintergrundgeräusche. Ein weiteres praktisches Feature: Die App erzeugt automatische Schlagworte; durch Antippen einer Textstelle springt man zur entsprechenden Position in der Aufnahme. Und: Auch Gesprächspartner*innen kann otter.ai recht gut auseinanderhalten.

Fazit: Zielgruppe der App sind Geschäftsleute, die Protokolle von Meetings haben wollen, ohne dass ein*e Mitarbeiter*in dafür abgestellt werden muss. Aber auch für uns Journalist*innen kann die App interessant sein, insbesondere bei langen Hintergrundgesprächen oder Meetings. Will man nicht viele Stunden lang transkribieren, kann die App ein Protokoll zum Querlesen erzeugen, das manuelles Mitschreiben oder Abtippen unnötig macht.

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