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Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 4

Frei im Kopf: Inspirations-Camp, Woche 4

Die Autorin im Selbstversuch mit dem Klassiker „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Ein Zehn-Wochen-Programm mit Katharina Jakob

Die Tarantel

Die vierte Übung des Zehn-Wochen-Experiments ist eine besinnliche Sache, bei der man nur zeichnet und sich Gedanken macht. Ich hab sie Tarantel genannt, wegen der Zeichnung, die dabei entstanden ist. Bei Julia Cameron heißt die Übung zwar „Lebenskuchen“, aber das klingt wie etwas, das ich nicht beginnen möchte.

Cameron will, dass ich einen Kreis zeichne und in sechs Segmente teile. Wie einen Kuchen mit sechs Stücken. In jedes Segment soll ich einen Bereich meines Lebens hineinschreiben: Spiritualität, Übung, Spiel, Arbeit, Freunde und Abenteuer. Was das Wort Übung hier bedeuten soll, weiß ich nicht. Auch vermisse ich Liebe, Politik, Kollegen, Freiheit, Familie, Natur, Tiere, Reisen. Aber sei’s drum. Ich zeichne den Kreis abends am Küchentisch, während mein Mann kocht.

„Tragen Sie so viele Punkte in jedes Stück ein“, schreibt Cameron, „wie in dem entsprechenden Bereich in Ihrem Leben Erfüllung finden. Am äußeren Rand bedeutet er große Erfüllung, im inneren Kreis weniger große Erfüllung.“ Ich habe Mühe, das zu verstehen. Soll ich die Abenteuer zählen, die ich bislang erlebt habe, und sie als Punkte eintragen? Oder die Anzahl meiner Freunde? Ich löse die Aufgabe intuitiv. Spiritualität kommt in meinem Leben wenig vor, also male ich drei Punkte in den inneren Kreis. Bei Arbeit ist es genau andersherum. Viele, viele Punkte ganz außen am Rand.

„Verbinden Sie die Punkte miteinander. Das wird Ihnen zeigen, wo Ihr Schwerpunkt liegt“, heißt es weiter. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Ihr Lebenskuchen wie eine Tarantel aussieht.“ Was stimmt. Mit etwas Fantasie sehe ich ein Spinnentier. Oder das, was beim Rorschach-Test gezeigt wird, diese Tintenklecksbilder mit auslaufenden Rändern. In meinem Kreis liegt der Schwerpunkt unübersehbar auf Arbeit. Auch Freunde und Abenteuer sind gut vertreten. Nicht aber die Bereiche Spiel, Spiritualität und Übung, was immer damit gemeint sein mag.

Ich weiß, dass ich zu viel arbeite. Das ist das Los der Freien. Und dass dies alles Weitere nach sich zieht: zu wenig Spiel, zu wenig Freizeit, zu wenig Leichtigkeit, zu wenig Abwechslung. Und ergo zu wenig Inspiration. Also genau das, worum es mir hier geht. „Wenn Sie diese Technik anwenden“, so Cameron, „dann werden Sie bemerken, dass es Bereiche in Ihrem Leben gibt, die sich verarmt anfühlen.“
Doch wie ändern? Es wäre nicht das erste Mal, dass ich das versucht hätte. Keine Arbeit mehr am Wochenende? Hält genau bis zur nächsten Deadline. Freie Tage in der Woche? Dito.

Die Journalistin aushungern

Camerons Tipp, um dem beizukommen: zehn kleine Veränderungen, die den verarmten Lebensbereichen gewidmet sind. Je mehr Aufmerksamkeit sie bekommen, desto weniger bleibt den sowieso schon überfütterten. Etwas Ähnliches hat mir neulich ein vielbeschäftigter Kollege erzählt. Der hat wieder richtig Spaß am Schreiben, seitdem er Tango unterrichtet und auch als Wattführer arbeitet. In der Sprache des “Lebenskuchens” hieße das: Nähre deine innere Journalist*in, indem du sie hungern lässt.

Also schreibe ich jetzt unter meine Tarantel zehn kleine Veränderungen, die Spiel und Spiritualität rundfüttern sollen, etwa: Gospelmusik hören, in eine Dorfkirche gehen, Kantaten singen. Karten spielen, Toben mit dem Hund. Aber dann steht da bei Cameron noch was: „Wählen Sie eine kleine Sache aus. Machen Sie sie sofort.“

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Es ist kurz vor Mitternacht. Mein Mann hat keine Lust mehr, mit mir Karten zu spielen. Eingerollt auf dem Sofa höre ich stattdessen „Cantate Domino“ von Claudio Monteverdi, gesungen von den Cambridge Singers. Und überlege mir, dass ich die Tarantel am besten noch mal mache, aber nun mit den Lebensbereichen, die mir gefehlt haben. Was für ein Tier da wohl herauskommt?

Und was werdet ihr zeichnen? Vielleicht seid ihr so ausgeglichen, dass ihr ein Mandala bekommt. Wie immer freue ich mich sehr, wenn ihr über eure Erfahrungen berichtet. Und falls ihr neu eingestiegen seid: Hier findet ihr den Blog von Julia Cameron mit Kreativitäts-Tipps zur Coronakrise.

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