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#KritischesWeißsein: War mein Artikel rassistisch?

#KritischesWeißsein: War mein Artikel rassistisch?

Kartoffel

Vor einigen Monaten begleitete ich eine nigerianische Delegation bei einer Bildungsreise durch Deutschland. Auf meinen Artikel in der ZEIT folgten Leser*innenbriefe mit Rassismusvorwürfen. Was ist da passiert?
Eine Reflexion

Unter dem Hashtag #KritischesWeißsein hat der Journalist Malcolm Ohanwe weiße Menschen dazu aufgefordert, sich mit ihrem Weißsein kritisch auseinanderzusetzen: “Ihr seid weiß und wisst, wie es ist, weiß zu sein. Macht ihr jetzt die Arbeit und redet und schreibt darüber!” Und das tun wir hier in loser Folge.

Der Auftrag war spannend: Für die ZEIT sollte ich zwei Tage lang eine Delegation aus Nigeria begleiten, bestehend aus Bildungspolitiker*innen und Unternehmens-Vertreter*innen. Auf Einladung der Bundesregierung wollten die Nigerianer*innen das deutsche System der dualen Berufsausbildung kennenlernen. Ich würde die Delegation in Werkstätte und Berufsschulen begleiten und am Ende ein Feature zu der Frage verfassen, inwiefern der Export eines Bildungssystems klappen kann. Entwicklungszusammenarbeit, Bildung, Chancengerechtigkeit – allesamt reizvolle Themen für mich. Ich sagte sofort zu.

Ich kniete mich in die Recherche. Ich las ausführlich über Entwicklungszusammenarbeit in der Berufsbildung. Während der Reise sprach ich lange mit den nigerianischen Delegationsmitgliedern. Bei den gemeinsamen Busfahrten erzählten sie mir von den Herausforderungen in ihrer Heimat und teilten ihre Eindrücke über das deutsche System mit mir. Die Stimmung in den Gesprächen war aufgeschlossen, zugewandt und von ehrlichem Interesse geprägt. Ich interviewte außerdem Mitarbeiter*innen des Bundesinstituts für Berufsbildung, sprach mit einem Wirtschaftspädagogen, Berufsschul-Vertreter*innen und mit einer Nigeria-Expertin. Wie bei den meisten Recherchen hatte ich am Ende den Eindruck, dass die Sache viel komplexer war als anfangs gedacht.

Beim Schreiben plagte ich mich. Gefordert war ein Feature mit einem analytischen Zugang und lebendigen Reportageelementen. Als Einstiegsszene wählte ich unseren gemeinsamen Besuch in einer Lehrlingswerkstatt in Bonn. In knappen Sätzen beschrieb ich, wie die nigerianische Delegation durch die Ausbildungs-Werkstatt ging, Smartphone-Fotos schoss und den deutschen Lehrlingen beim Schweißen über die Schultern blickte. Ich beschrieb „den schüchternen Jungen im Blaumann“ und die Gruppe Nigerianer*innen, die „Anzüge, bodenlange Kaftane, bunte Kleider in Batikoptik und mit Leopardenprints“ trug.

Die Redaktion änderte fast nichts

Die Redaktion nahm den Artikel ohne große Änderungswünsche an, aufgrund einer Anzeige musste dieser allerdings stark gekürzt werden. Der Text erschien im November 2017 in der ZEIT. Ein paar Wochen später flatterten schließlich (neben einigen positiven Rückmeldungen) drei sehr kritische Schreiben in mein Postfach. Diese Leser*innenbriefe auf mich wirken zu lassen ist bis heute schmerzhaft: Ich sei eine „Redakteurin mit verstaubter Kolonialbrille“, heißt es darin, ich würde „Afrikaner sprachlich herabsetzen“. Ich schluckte. Ich? Rassistisch? Wie war das gemeint?

Ich las die Mails mehrmals und ausführlich. Alle drei Leser*innenbriefe arbeiteten sich insbesondere an meiner Wortwahl und meinen szenischen Beschreibungen ab. Eine Leserin ärgerte sich, dass ich eine nigerianische Politikerin „als energische Frau mit großen Goldohrringen“ beschrieb. „Ist es erwähnenswert, wie PolitikerInnen und UnternehmerInnen auf einer Dienstreise gekleidet sind?“, schrieb sie. Der Fokus auf die Kleidung trage dazu bei, postkoloniale Sichtweisen auf „Afrikaner“ zu reproduzieren. „Mir erscheint die Beschreibung der Kleidung wie eine Suche nach dem vermeintlich ‚Fremden‘“.

Eine andere Leserin echauffierte sich über die Formulierung, dass die Nigerianer*innen in einem „kleinen Reisebus“ durch Deutschland „tingeln“ würden und Informationen in ihre Blöcke „kritzeln“. Tingeln, kritzeln, kleiner Reisebus? Die Leserin war sich sicher, dass ich andere Worte gewählt hätte, würde ich etwa über eine Schweizer Delegation schreiben.

Ich: rassistisch?

Ich war verunsichert. Hatte ich unterbewusst eine herabwürdigende Sprache gewählt – oder gehörten Worte wie „tingeln“ oder „kritzeln“ einfach zu meinem Sprachschatz? Ich durchsuchte andere Artikel von mir, fand auch in Berichten über weiße Menschen ähnliche Begriffe und Beschreibungen von Kleidung und Aussehen – und kam dennoch zu keiner eindeutigen Antwort. Ein Anruf in der ZEIT-Redaktion beruhigte mich. Keine*r der (weißen) Redakteur*innen, die den Artikel gelesen und redigiert hatten, konnten darin rassistische oder postkoloniale Untertöne erkennen. Ich beantwortete die Leser*innenbriefe freundlich, aber bestimmt. Innerhalb der Redaktion würden wir die Kritikpunkte ernst nehmen, könnten den vorgeworfenen unsachlichen Blick aber nicht erkennen.

Damit war die Sache erledigt. Eigentlich. In regelmäßigen Zeitabständen meldete sich dennoch mein schlechtes Gewissen. Vor allem, wenn Rassismusdebatten aufkeimen – so wie gerade –, erinnere ich mich an die Erfahrung mit den Leser*innenbriefen. Was meine nigerianischen Protagonist*innen über den Artikel denken, habe ich leider nie erfahren. Zwar haben sich die Delegationsmitglieder für die Zusendung der Fotos und des deutschen Skripts bedankt. Ob jemand den Text für sie übersetzt hat, weiß ich allerdings nicht.

Bis heute frage ich mich: Habe ich das Erscheinungsbild der Delegation aus Nigeria rassistisch beschrieben oder in meinem Auftrag als Journalistin, die etwas sieht und es wiedergibt? War mein Text diskriminierend, und wer kann und darf das überhaupt entscheiden? Und: Wie geht das, als weiße Journalistin sicher einzuschätzen, ob ich andere Menschen exotisiere oder nicht? All das weiß ich nicht. Und ich weiß auch nicht, wie man dahin kommt.

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Heute lese ich meinen Artikel anders

Für diesen Text habe ich meinen damals publizierten Artikel nochmals gelesen. Heute bin ich selbst unzufrieden mit vielen Formulierungen. Vieles wirkt platt, polarisierend und vereinfachend. Auf meinem Computer suchte ich nach der ursprünglichen, ungekürzten Version. Auch diese ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Dennoch erkenne ich in der ungekürzten Version einen differenzierteren Blick, der den Blickwinkeln und Erfahrungswelten der Nigerianer*innen mehr Platz einräumt. Aus Platzgründen wurden etwa die Infos zum Berufsbildungssystem in Nigeria gestrichen – und meine Erläuterungen zur Entwicklungszusammenarbeit, die immer auf Augenhöhe und in beide Richtungen funktionieren soll. Was stehenblieb, waren hingegen die szenischen Beschreibungen über das Aussehen und Verhalten der Nigerianer*innen.

Was werde ich in Zukunft anders machen? Eine klare Antwort habe ich nicht. Aber ein paar Ansätze: Wenn ich in Zukunft über „People of Color“ schreibe, werde ich noch sorgsamer als sonst bei meiner Sprachwahl sein (und hoffentlich dennoch unverkrampft beim Schreiben bleiben). Ich werde journalistische Reflexe infrage stellen, die das „vermeintlich Exotische“, „Überraschende“ und „Andersartige“ in den Vordergrund rücken wollen. Und ich werde stärker über institutionalisierte Rassismen in unserem Mediensystem nachdenken. Denn allein dass wir uns bei der Wahl der Delegation für die nigerianische (und nicht etwa die belarussische) entschieden haben, war wahrscheinlich kein Zufall. Unterbewusst hatten wir (auch ich!) uns wohl von den (schwarzen) Besucher*innen aussagekräftigere Bilder erwartet.

Und noch etwas habe ich mir vorgenommen: empfänglicher zu sein für kritische Leser*innenbriefe und Rückmeldungen, auch wenn sie harsch formuliert sind. Mich nicht einzuigeln und in Abwehrhaltung zu gehen, sondern meinen Blick und meine Rolle als weiße Journalistin selbstkritisch zu reflektieren. Ich wünsche mir, dass wir so in den nächsten Monaten gemeinsam neue journalistische Umgangsarten entwickeln, die sensibler mit rassistischen Stereotypen, Untertönen und Reflexen in der medialen Berichterstattung umgehen. Zugleich wünsche ich mir, dass diese Diskussion unverkrampft und ohne unverhältnismäßige Anschuldigungen geführt wird, die die Fronten nur verhärten. Ich hoffe sehr, dass mich viele Journalist*innen und Medienmenschen auf diesem Weg begleiten. Meine selbstkritische Reflexion hier kann nur ein Anfang sein.

Was sind eure Erfahrungen mit der Berichterstattung über People of Color? Wie reflektiert ihr euer eigenes Weißsein als Journalist*innen? Und wie beschreibt ihr das „Andere“, ohne zu diskriminieren und herabzuwürdigen?

Foto: shutterstock.com | JIANG HONGYAN

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