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BASICS – die ultimative Rechenhilfe: Wie viel Honorar muss ich verlangen?

BASICS – die ultimative Rechenhilfe: Wie viel Honorar muss ich verlangen?

Tasse "Ich arbeite nicht für unter 269€ am Tag"

Das Corona-Virus hat die Auftragslage infiziert, und jetzt ist etwas Zeit da. Kein Problem, denn Zeit ist Geld. Doch wie viel Geld ist eure Zeit eigentlich wert? Wie ihr das herausfindet, lest ihr hier.

Von Jan Schwenkenbecher

Ich habe für einen Einstiegssatz schon einmal einen Tag gebraucht. Er war nicht mal besonders gut. Von Constantin Seibt stammt der Gedanke, dass wir Journalisten komprimierte Zeit verkaufen. Und es ist ja wirklich so: Wir stecken viel Zeit in die Recherche, in den Titel, noch mehr in den ersten Satz, in den zweiten. Die Leser*in hat das schnell überflogen. Wenn sie weiterliest, ist alles gewonnen. Seibt rechnet so:

Wenn ich als Journalist die grundsätzlichen Fakten für einen Artikel zusammenhabe, rechne ich – also noch ohne Recherche – mit einem Schreibtempo von 1000 Zeichen die Stunde. Diese 1000 Zeichen lesen Sie in knapp einer Minute weg.

Das heisst: Es ist für mich keine grosse Kunst, etwas cleverer, informierter, verblüffender zu sein als Sie, denn ich habe 60 Mal mehr Zeit, nachzudenken.”

Constantin Seibt, Deadline

Wie viel ist unsere Zeit wert, die wir in Texte zusammenpressen? Das erfahrt ihr in diesem Artikel. Im Grunde gibt es zwei Wege: Lasst ihr euch für die 1000 Zeichen bezahlen? Oder für die Stunde, die ihr hineingesteckt habt, um sie aufzuschreiben?

Ein Einschub vorweg: Es ist gut, wenn ihr im ersten BASICS-Teil euren finanziellen Lebensbedarf bestimmt habt. Schiebt das Ergebnis kurz zur Seite. Denn das hat mit dem Wert eurer Arbeit erst mal nichts zu tun. Warum beides nicht zusammenhängen soll? Ganz einfach: weil sich der Lohn nicht aus dem Lebensstil bestimmt, sondern der Lebensstil vom Lohn abhängt. Kein Angestellter der Welt käme auf die Idee, beim nächsten Jahresgespräch eine Gehaltserhöhung zu fordern, weil er ein neues Auto, Sofa oder Bad kaufen möchte. Er käme aber vielleicht auf die Idee, ein neues Auto, Sofa oder Bad zu kaufen, wenn er eine Gehaltserhöhung bekommt. Außerdem ändern sich Lebensstile. Kommen Kinder, Häuser oder Fernreisen, steigt der Bedarf so stark an, dass das Nachjustieren von Honoraren nicht mehr ausreicht.

Natürlich ist es wichtig, den eigenen Lebensbedarf vorab zu kennen. Nur so weiß der akribische Freie, ob sein Honorar auch hoch genug ist, nachdem er es ausgerechnet hat.

Stunden- und Tagessätze vs. Zeichen- und Zeilensätze

Auf dem Kontoauszug sehen am Ende alle Honorare gleich aus: ein paar Zahlen, dahinter das Euro-Zeichen. Doch wie sich ein Honorar berechnet, dafür gibt es viele verschiedene Wege. Grundsätzlich können zwei verschiedene Leistungen honoriert werden: Aufwand oder Umfang. Stunden- und Tagessätze vergüten die benötigte Zeit. Sie honorieren den Weg, nicht aber das Ergebnis. Zeichen- und Zeilensätze vergüten die gelieferte „Menge“. Sie honorieren das Ergebnis, nicht aber den Weg dahin.

Beides hat seine Vor- und Nachteile. Zeitmodelle sind fair, denn die gearbeitete Zeit wird eins zu eins vergütet. Tagessätze sind auch leichter zu bestimmen als Pauschalen für große Projekte. Und wenn es mal länger dauern sollte, wird auch das bezahlt.

Wer aber besonders schnell arbeitet, verdient mit Tagessätzen weniger. Und manche Kunden mögen es nicht, wenn sie vorher nicht ganz genau wissen, was sie am Ende bezahlen sollen. Dafür gibt es Ergebnismodelle. Da wissen beide Seiten vorab, was sie bekommen, und wer schnell arbeitet, kann mehr verdienen, einfach weil mehr Zeit für weitere Aufträge bleibt. Umgekehrt hat aber auch Pech gehabt, wer länger braucht.

Es hilft, wenn man die verschiedenen Vor- und Nachteile kennt. In der Praxis stellt sich die Entscheidung zwischen beiden Modellen oft aber gar nicht, weil die Kunden den einen oder anderen Weg vorgeben. Zeitungen rechnen pro Zeile ab, Magazine bezahlen je Heftseite (und damit nach Anzahl der Zeichen), in der Werbung oder bei größeren Aufträgen sind die Zeithonorare verbreiteter. Aber jetzt mal ran an den Taschenrechner.

Den Stunden- und Tagessatz bestimmen

Wir wollen uns mal mit einem Festangestellten vergleichen und orientieren uns deshalb an dessen Gehalt. Laut Freischreiber-Honorarreport liegt das bei mittlerer Berufserfahrung (zwischen fünf und zehn Jahren) bei 3538 Euro brutto im Monat. Das ist die Basis.

Wie viel muss die Freie Karla Urheberin verdienen, damit sie auf den Satz von Reto Redakteur kommmt?

Dazu muss Karla ihre Ausgaben draufschlagen, die der angestellte Arbeitnehmer Reto nicht hat: Strom, Internet, Reisekosten, Laptop / Fotoapparat, Miete für Büro oder Co-Working-Space, Berufsverband, berufliche Versicherungen, Kopierpapier und Heftklammern. Eine reisende Fotojournalistin dürfte hier deutlich höhere Ausgaben verbuchen als der heimwerkende Wissenschaftsjournalist. In unserem Beispiel rechnen wir, dass Karla 300 Euro Betriebsausgaben hat. Wir kommen also auf 3838 Euro brutto im Monat. Das ist das, was sie verdienen will.

Ein weiterer Punkt, der in vielen Kalkulationsratgebern für Freelancer auftaucht, sind Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung. Selbstständige müssen sich zwar durchaus selbst versichern. Aber da die Künstlersozialkasse hier arbeitnehmerähnliche Verhältnisse schafft, indem sie die Arbeitgeberanteile der Beiträge beisteuert, verzichten wir hier darauf. Dran denken sollte trotzdem jeder und jede: Wir rechnen brutto. Es sind derzeit 18,25 Prozent (ohne Kinder, ohne Krankenkassen-Zusatzbeitrag) vom Einkommen, die an die KSK gehen. Und auch die Einkommensteuer geht dann noch ab.

Nun muss Karla das gewünschte Gehalt eigentlich nur noch auf die gewünschte Arbeitszeit aufteilen. Wichtig: In der Rechnung sollte der Monat nicht einfach 30 Tage haben. Auch wenn Karla gern mal was am Wochenende fertig macht oder am Abend eine zweite Schicht dranhängt: Bei Reto Redakteur, dem Angestellten, geht niemand davon aus, dass er 365 Tage im Jahr arbeitet. Wochenenden und Feiertage abgezogen, gibt es – je nach Bundesland – in diesem Jahr 253 bis 255 Arbeitstage. Wir nehmen also 254 und ziehen davon noch 29 Tage Urlaub ab, die Durchschnittsdeutsche in ihren Verträgen stehen haben, und subtrahieren außerdem die elf Tage, die sie im Schnitt krank sind. Bleiben Karla 214 Arbeitstage. Davon seien weitere 20 Prozent abgezogen, denn Karla braucht auch Zeit, um Kunden zu akquirieren, Themen zu finden, Buchhaltung zu machen und Artikel wie diesen zu lesen. Bleiben ihr 171,2 Arbeitstage, die sie für Kunden im Jahr aufwenden kann. 14,27 Kunden-Arbeitstage im Monat. Wenn sie Reto Redakteurs Festangestellten-Vergleichsgehalt (plus ihre Betriebsausgaben) durch 14,27 Arbeitstage teilt, kommt sie auf 269,02 Euro Tagessatz. Das entspricht 33,63 Euro Stundensatz bei einem achtstündigen Arbeitstag. Die braucht sie mindestens. Denn damit sind Karlas laufende Kosten gerade mal exakt gedeckt.

Wer sich selbst als Unternehmer*in begreift – und das sind selbstständige Journalist*innen –, der/die muss auch etwas Gewinn für das eigene Unternehmen erwirtschaften. Karla schlägt also mindestens zehn Prozent auf ihren Tagessatz drauf. Anders als beim Festangestellten bekommt sie als Freie nämlich während ihres Urlaubs kein Gehalt. Sie sollte stets einen gewissen Puffer aufbauen, um gegen, ähemhüstelhüstel (nein, das war nicht das Virus), möööglicherweise auftretende Auftragsflauten gewappnet zu sein.

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Den Zeichen- und Zeilensatz bestimmen

Und was, wenn die Kundin nach Zeile bezahlt? Noch mal von vorn mit Methode zwei: Den richtigen Preis für einen Zeichen- oder Zeilensatz zu bestimmen ist gar nicht so einfach. Und Pauschalen für größere Projekte fallen erst recht in die Kategorie superschwierig. Dabei könnt ihr euch böse verkalkulieren. Vorsicht bei Pauschalen.

Für Kunden ist eine Pauschale natürlich bequem: Die Kund*in zahlt nicht für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit, sondern für das Ergebnis, das sie bekommt. Für Freie ist es aber, was die Berechnung angeht, letztlich gar kein so großer Unterschied. Der Denkansatz “Das ist aber ein schöner Batzen Geld” ist definitiv falsch. Denn ob man nun von Löhnen, Honoraren, Pauschalen, Sätzen oder Gehältern spricht, im Wesentlichen folgt alles demselben Prinzip: Geld pro Zeit. Eine Stoppuhr neben dem Schreibtisch leistet da gute Dienste. Denn auch wenn wir Zeilen verkaufen, verkaufen wir unsere komprimierte Zeit.

Und so sollte sich Karla Urheberin bei jeder in ihrem Posteingang liegenden Artikel-Anfrage ausrechnen, wie viel Zeit sie für den Auftrag brauchen wird. Nur dann kann sie ein Angebot für Zeichen, Zeilen oder Hefte machen.

Die Zeit multipliziert sie dann mit ihrem individuellen Stunden- oder Tagessatz, den sie nach obiger Methode bestimmt. Wenn Karla eine Pauschale anbietet, muss sie unbedingt eine Sicherheit draufschlagen. Das sind auch hier noch einmal mindestens zehn Prozent, eher mehr. Sie trägt ja bei Pauschalen das volle Risiko.

Realistisch bleiben

Zum Abschied sei hier vor dem eigenen Idealismus gewarnt. Wer einmal seinen Preis ausführlichst berechnet hat, die schreckt davor zurück, auch mal für weniger zu arbeiten. Hier sollte Pragmatismus den Idealismus stechen. Es ist okay, hin und wieder weniger zu verlangen, wenn man oft mehr verlangt. Im Schnitt sollte mindestens der errechnete Satz herauskommen. Und: Es macht definitiv mehr Spaß, für 1000 Euro einen Tag zu arbeiten, als vier Tage für 250 Euro. Aber klar: Verschiedene Kunden zahlen verschieden viel, das ist einfach so. Wie viel das so ist, das fragt eure Kollegen oder schaut es hier nach.

Und irgendwann ist es dann auch mal an der Zeit, seine Kunden mit kritischem Blick auf ihre Funktion zu prüfen: Wer bringt Geld, wer sorgt für Anerkennung, und für wen macht die Arbeit einfach Spaß? Um lahme Gäule und Cash-Cows geht es im nächsten Artikel. Jetzt ran an die Stoppuhr!

SERVICE: Wer nicht lesen, sondern nur rechnen mag, der findet hier eine kleine Excel-Vorlage für einen Stunden- und Tagessatzrechner

Bild [m]: Shutterstock.com | Hakan Tanak, Freischreiber

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